Harry Potter und wir verwunschenen Kinder

Die Menschen in der Schlange vor dem Palace Theatre in London waren alle zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt. Wenn ich mir Gesichter besser merken könnte, hätte ich vielleicht sogar jemanden von dem Mitternachtsverkauf von 2008 wiedererkannt. Ich wusste, ohne fragen zu müssen, dass diese Menschen hier vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren auf einen Brief gewartet haben. Ein Brief, der von einer Eule überbracht wird und dessen Anschrift gespenstisch exakt ist: Ms Noemi Harnickell, das große Schlafzimmer im ersten Stock, Pfarrhaus, Leißigen. Und ich weiss, dass ich nicht die einzige bin, in deren Kopf immer wieder die gleichen Worte auftauchen:Bildschirmfoto 2017-04-28 um 00.41.42Es fühlte sich ein bisschen an wie Hogwarts, das alte, palastartige Gebäude mit den Türstehern in ihren Hogwarts-Schuluniformen und der aufgeregten Menge junger Erwachsener, denen kindliches Entzücken ins Gesicht geschrieben stand.

Harry Potter and the Cursed Child ist ein Nach-Hause-Kommen. Eine Zuflucht, immer noch, nach all den Jahren. Plötzlich bist du wieder elf und alles, alles ist möglich.

Das Theaterstück ist natürlich keine richtige Fortsetzung. Es ist keine achte Bibel in der Reihe, auf die sich schwören lässt. Es ist eine Möglichkeit. Ein Spiel. Was wäre, wenn…

Wenn Harry Potters Sohn nach Slytherin kommt, das Haus, das so viele böse Zauberer hervorgebracht hat. Wenn Harry Potters Sohn sich ausgerechnet mit Draco Malfoys Sohn anfreundet. Wenn die Autorin für einmal alle Zügeln fallen lässt und zwei Vierzehnjährige aus einem fahrenden Zaubererzug springen.

Und die wahre Magie: Es funktioniert!

Ein Zug fährt über die Bühne, die Zeit wird zurückgedreht, Menschen verwandeln sich und aus den Zauberstäben stoben Funken. Aber irgendwie verkommt das Spektakel nicht zu einer vergnüglichen Parodie; wenn die Bühne aufhört zu beben, bleiben Worte zurück, und sie gehen unter die Haut. J.K. Rowling kann mit einem Satz ein Weltbild umkehren, sie kann mit einem Wort einen Palast voller Gefühle ausdrücken.

Vor allem aber schafft sie Persönlichkeiten in vier Dimensionen. Harry Potter selbst steht, trotz Hauptfigurenstatus, bei den Lesern doch eher unbeliebt da, während wir alle gerne Hermine wären oder in die Clique von Fred und George Weasley aufgenommen würden. Er ist ein «verwunschenes Kind», Schicksalsträger und ewiger Miesepeter, so scheint es. Und ganz im Gegensatz zu Harry fällt es dem Publikum leicht, seinen jungen Sohn zu verstehen. Denn es ist nicht einfach, Harry Potters Sohn zu sein. Die Welt stellt Anforderungen, denen er nicht gerecht werden kann – er will nicht für das allgemeine Wohl sterben, wie das seine Namensvetter, Albus Dumbledore und Severus Snape, getan haben, und Albus Potter wird vermutlich auch nie einen dunklen Lord besiegen.

Auch Kind im Hause Malfoy sein ist nicht schön. Nicht, wenn landauf landab behauptet wird, man wäre in Wirklichkeit der Sohn von Lord Voldemort. Und was hilft es da, auf äussere Merkmale – wie eine Nase – hinzuweisen, wo doch die Mitschüler beim Hänseln nicht nach Rationalität fragen. Die zwei Jungen sind ebenso verwunschen wie ihre Väter; von ihren Vätern, von der Pubertät und von Vorstellungen, in die sie sich nicht zwängen können. Aber irgendwie bringen diese zwei Jungen eine Seite ihrer Väter zum Vorschein, die in deren eigenen Geschichten so leicht zu missen ist.Bildschirmfoto 2017-04-28 um 00.41.32Und wir erkennen ihn wieder, diesen Harry Potter, der sich gerne für die ganze Welt opfert, der keine Furcht kennt und der ständig den schlecht gelaunten Helden spielt. Es ist, als würde diese Bühne ihm endlich die Plattform bieten, sich zu zeigen. Endlich kann er versagen, glorreich und unter Fanfaren-Getröte. Und dann ist er, was er schon mit elf von sich gesagt hat, in dem einen zarten Moment, in dem wir uns doch ein wenig in den schwarzhaarigen Jungen mit der Narbe verliebt haben: «Harry. Nur Harry.»

«Nur-Harry» wird in der Schule gemobbt, lebt in einem Schrank und trägt eine Brille, die mit Klebeband geflickt ist. «Nur-Harry» hat Angst vor vielen Sachen, aber «Nur-Harry» hat auch Mut und «Nur-Harry» wäre gerne besser als er ist. «Nur-Harry» ist ein Mensch, den ich kennenlernen möchte.Bildschirmfoto 2017-04-28 um 00.41.14Märchen und Geschichten von Zauberei waren immer ein grosser Bestandteil meiner Kindheit, aber weder Hexe Lilli noch Bilbo Beutlin vermochten mein Leben zu prägen, wie dies Harry Potter getan hat. Es ist ein bisschen, als wären wir gemeinsam gross geworden, er und ich, und das ist wohl auch der Grund, weshalb er mich nicht loslässt.

Auf den Gesichtern im Theatersaal lag ein Glanz. Alle waren verzaubert, und vielleicht nicht nur sprichwörtlich. Ich glaube, im Grund sind wir die «verwunschenen Kinder» der Zaubererwelt. Verwunschen, weil wir tief in uns immer elf Jahre alt sein werden, weil wir stets auf diesen Brief warten werden, weil wir uns immer danach sehnen werden, der Muggel-Welt zu entkommen.

J.K. Rowling hat nicht gelogen. Sie hat die Pforten von Hogwarts tatsächlich geöffnet, wir sind tatsächlich zu Hause angekommen.

Und dieses Zuhause wird immer ein Ort der Zuflucht sein.

Was ich noch zu sagen hätte

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Es ist natürlich kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, dass, was wir zu sagen hätten, wir nur ungern gerade heraus tun. Was wir wirklich zu sagen hätten, bleibt meistens ein trauriger Konjunktiv.

Und so weiss niemand, dass ich bei The Raven King weinen musste, als Ronan Adam küsste, und so weiss niemand, dass ich manchmal spät abends auf Google Maps meinen Schulweg in Auckland rekonstruiere, und so weiss niemand, dass ich vor dem nächtlichen Fenster stehe und nach dem Geräusch der Tardis lausche; und so weiss niemand, wer ich bin. Nicht wirklich. Nicht durch die Mauern hindurch, die ich so sorgfältig um mein Dasein errichtet habe. Dabei warte ich darauf, dass jemand sie durchdringt; will gekannt sein und gebe mich doch nicht zu erkennen.

Was ich sage, ist nicht, was ich zu sagen hätte. Ich sage, dass ich dieses und jenes Buch liebe, und denke, dass jemand, wenn er es denn lesen würde, mich sehen könnte. Ich sage, dass rosa meine Lieblingsfarbe ist, ich sage nicht, dass Erwachsensein mir manchmal Angst macht. Ich sage, dass ich Fernweh habe, wenn ich einen Grund suche zu bleiben. Und hinter der Mauer ist es schwer, die Welt zu sehen, wie sie ist, und die Wahrheit ist vielleicht auch nur ein Konzept, das wir uns schaffen, aber ich erzähle keine Lügen, die ich nicht auch selber glaube.

Und ich glaube, dass in Wahrheit alle Menschen Mauern bauen. Und ich glaube, dass in Wahrheit auch sie nicht sagen, was sie zu sagen hätten. Und ich glaube, dass das immer so war und dass vielleicht das ganze Problem der Menschheit nur ist, dass alle reden und niemand etwas sagen will.

Wir nennen sie Lästermäuler und Tratschtanten, jene, die wir so hochmütig an den Pranger stellen, weil ihnen der Mut fehlt, zu sagen, was sie zu sagen haben, und es deshalb leise tun und von hinten. Wir reden über andere, als wären ihre Mauern die unseren, weil wir dann nicht ehrlich sein müssen.  Und wir verwechseln Angst mit Bosheit und Unsicherheit mit Arroganz.

Vielleicht sind es gar nicht die Lügen, die die Welt in den Abgrund treiben, sondern die Unwahrheiten, an denen wir uns festklammern. Und ich wünschte, ich wünschte, ihr würdet nach Türen suchen, anstatt mein Fundament zu sprengen. Ich wünschte, ihr würdet mich in meiner Verletzlichkeit sehen und die Waffen senken. Es sind die Unwahrheiten, die zerstörerisch sind in ihrer Wut. Nicht ganz wahr und nicht ganz falsch, geschmiedet in den Tiefen des Selbstzweifels. Es sind die Unwahrheiten, auf die ein kompliziertes und wundervolles Dasein reduziert wird.

Wir müssen sagen, was wir zu sagen haben. Wir müssen das Herz auf der Zunge tragen, wir müssen lachen, auch wenn die Umstände es verbieten, wir müssen weinen, wenn das Gewicht der Welt zu schwer wird, wir müssen Brunnen graben und Bäume pflanzen und streiten und Händchen halten.

Was ich noch zu sagen hätte: Ich bin kompliziert, denn die Welt ist kompliziert, und ich bin mehr und ich bin weniger, nicht ganz so gut, wie man vielleicht meint, und auch nicht ganz so schlecht.

Und ich mag den Indikativ.
Lieber als den Konjunktiv.

Mein Weihnachten

Weihnachten fängt schon im Oktober an. Dann erscheinen die ersten Auflagen von neuen Weihnachtsromanen, Schokoweihnachtsmänner stehen in den Supermarktregalen und mein Arbeitsplan für den Pakettisch landet im Posteingang meines Email-Kontos.

Das ist mein Weihnachten.

Die Vorfreude, die viel zu früh, viel zu kommerziell, viel zu kitschig wie ein Monsun über jede Stadt fällt. Es ist die Zeit im Jahr, in der ich mich öffentlich dazu bekennen kann: Ich mag Kitsch. Und wer mich dafür verurteilt, ist für einmal nicht normal bei Sinnen, sondern ein Weihnachtsmuffel. An Weihnachten darf ich ich sein, Glitzer, Klausenmütze und Weihnachtspullover.

Mein Weihnachten sind meine steifen Finger nach neun Stunden Geschenkeeinpacken. Es sind diese Menschen, die Schlange stehen für ein bisschen Papier und eine Schleife. Im Grunde stehen sie Schlange für die zwei Minuten Smalltalk. Es reicht ein kleines Stichwort: «Da haben Ihre Angehörigen aber Glück…» Ein Geschenk ist für ein Kind, das an Weihnachten im Krankenhaus sein muss, eine Dame kauft Geschenke für Flüchtlinge, die sie kennt; ein Vater erzählt mir von seinen Töchtern, Luna und Etoile, die nicht mehr wirklich Kinder sind (er braucht das goldene Papier wegen der Namen). Mein Weihnachten ist, wenn jemand haucht: «Wie schön das aussieht!» Ich möchte, dass es schön aussieht, ich möchte, dass sich die Leute ein bisschen mehr auf Weihnachten freuen, weil wir zwei Minuten geredet und gelacht haben und das Geschenkband perfekt zum Papier passt. Mein Weihnachten ist der Pausenraum in der Buchhandlung, das aufgewärmte Mittagessen, die Gelegenheit, mein Buch zu lesen (wann habe ich denn sonst die Gelegenheit, zu lesen?).

Mein Weihnachten ist in der Küche, wenn ich Kekse backe, englischen Trifle mache und Cupcakes zubereite; Aschenbrödel läuft daneben, ein Glas Wein steht noch angefangen auf der Ablage (ich trinke langsamer als die anderen, die schon lange schlafen gegangen sind). Mein Weihnachten ist der erste Tee am frühen Morgen, das Rauschen des Wasserkochers, wenn ich im Pyjama und den flauschigen Hausschuhen davor stehe; es ist diese halbe Stunde auf der Couch mit den Gilmore Girls oder mit Jen Campbell, bevor der Tag anfängt.

Mein Weihnachten sind die roten Becher bei Starbucks, ihr Chai Latte, die Wärme gegen meine kalten Finger. Mein Weihnachten ist die Heilsarmee, die trotz bitterer Kälte draussen verharrt und schiefe Weihnachtslieder singt. Mein Weihnachten sind die Lichter in der Stadt, der Weihnachtsmarkt, der Glühwein.

Mein Weihnachten sind die alten Lieder, der «Little Drummer Boy», der den kleinen Jesus mit seiner Trommel zum Lächeln brachte und nicht mit Myrrhe und Gold. Mein Weihnachten ist die Familie Hoppenstedt, sind die Weihnachtswerbungen, die uns alle zum Heulen bringen (jedes Jahr), sind meine Weihnachtssocken, die sich niemals so weich anfühlen wie an diesem Tag.

Mein Weihnachten ist das Doctor Who Weihnachtsspecial, wo er sich so unsterblich in Rose verliebt und ihr verspricht, ihr die Sterne zu zeigen.

Mein Weihnachten war die Autofahrt zurück nach Hause, das Gefühl von Versöhnung und Liebe. Mein Weihnachten war meine Brieffreundin, deren Karte mich zu Tränen gerührt hat. Mein Weihnachten war die WG kurz vor dem Kollaps auf meinem Sofa, das Gute Nacht, das Gähnen aus drei Kehlen simultan, das Gemeinsam-zu-Hause-sein.

Mein Weihnachten war das Familienessen, der Tee, die Kekse. Meine Nichte auf der Couch neben mir, wie wir den Weihnachtsbaum bestaunten, Figuren, Kugeln und Sterne entdeckten. Für immer, wie es schien. Mein Weihnachten war der Film, wir alle müde und zusammen unter den Wolldecken.

Mein Weihnachten waren die Stunden danach, ich alleine mit Terry Pratchett (letztes Jahr war es Giovanna Fletcher). Wenn ich den Weihnachtsbaum für mich habe, wenn es ruhig ist, wenn ich in der Endlosschleife «I really ho-ho-hope it’s Santa Claus» hören kann.

Mein Weihnachten ist nicht Weltfrieden und noch nicht einmal verherrlichte Idylle. Aber mein Weihnachten kommt jedes Jahr wieder, und an manchen Tagen ist dies allein Grund genug, an das Gute zu glauben.

Dezember 2014, Bern (Nostalgie)

I miss a lot of things.

I miss going to work for that first time last year.
I miss the smell of smoke and sweat and cardboard boxes in the hallway.
I miss the way my feet hurt every night.

I’m still working there now.

But it’s not the same.
It’s not the “I never want to leave this place”.
It’s more.
It’s less.

My feet still hurt.

I miss seeing Honduras from above.
For the first time.
I miss the feeling of “It’s going to be okay.”
Because it really was, you know?

I miss the song
Chim-Chim-Chiminike!
All day long.
I wanted to listen to it forever.
I didn’t want to lose it.
That song.
It was mine.

I miss the voices.
“Hola Gringa!”
The way they could carress my name.
Every hello came with a hug.
Every hug lasted a lifetime.
Like the song.

Everybody hated the song btw.

I miss the dancing.
I hate dancing
But I was taught to love it.
Hands touching hands.
Lips touching lips.
It was a fairy tale.

But a slutty one.

I miss that side of me.
The “It’s going to be okay” side.
Because it really was, you know?

“One day I’m going to marry you.”
“Okay.”
It’s a promise
That we’ll never keep.
But we mean it
Nevertheless.

I miss eating
Until I need new pants.

“When are you leaving?”
“Never.”

I miss
Myself.

Just a little.
The me that knew
That it was going to be okay.

Because it really was, you know?

(Dezember 2014, Bern)

Der Marienkäfer

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Wahrscheinlich war er auf der Suche nach einem Winterquartier. Sarah meinte das zumindest. Was sonst hatte ein kleiner, getupfter Marienkäfer an einem Freitagvormittag auch in einem überfüllten Seminarraum an der Uni zu suchen? Er krabbelte ganz zielbewusst über den Tisch, und Margret und ich, wir freuten uns schon über den kleinen Glücksträger, der uns da so unverhofft begegnete. Plötzlich hielt er inne, sein Flügel zuckte einmal, zweimal, dann schien es, als würde er resigniert aufseufzen, und er nahm seine Wanderung wieder auf. Als er erneut anhielt, da sahen wir, was nicht stimmte: Eine feine Beule prägte seinen linken Flügel.
Er konnte nicht mehr fliegen.

Wir konzentrierten uns wieder auf den Unterricht und als wir uns nach unserem lädierten Freund umsahen, war er verschwunden. Erst, als ich zu Hause meine Tasche ausräumte, fiel er plötzlich von meinem Federmäppchen auf den Küchentisch, wo er seine Wanderung sofort wieder aufnahm. Er war unbeirrbar in seiner Mission. Von Zeit zu Zeit streckte er seinen Flügel, als hoffte er, ihn wieder brauchen zu können. No such luck, würde der Engländer sagen. Ich glaube, eine halbe Stunde lang sah ich ihm nur zu. Ich liess ihn über meine Hände krabbeln, sorgfältig darauf bedacht, dass er nicht auf den Boden fiel. Nach unten wollte er nicht. Wenn er die Wahl hatte, dann krabbelte er nach oben. Hoch, hoch, immer weiter hoch. Zwischendurch legte er eine kleine Pause ein. Dann wieder weiter.

Vielleicht dachte ich, es brächte Unglück, einen Marienkäfer seinem Schicksal zu überlassen. Ich weiss auch gar nicht, ob ein verletzter Marienkäfer überhaupt noch Glück bringt. Aber ich hatte den Eindruck, als hätte er mich auserwählt, und das fühlte sich irgendwie ehrenhaft an. Ausserdem: Je länger ich ihm zusah, desto mehr erinnerte er mich an mich selbst. Wenn ich nur daran denke, wie viele Nächte ich zweifelnd wach liege, wie oft ich von mir denke, nicht gut genug zu sein. Zu klein, zu langweilig, zu jung, zu albern. Ist nicht jeder Selbstzweifel eine Beule in meinem Flügel? Und die ganze Zeit versuche ich doch, sie auszuplätten, mich fallen zu lassen, zu vertrauen. Aber der Käfer, der versuchte nicht, seinen Flügel zu reparieren. Er konnte nicht mehr fliegen, also ging er zu Fuss. Der Verlust seines Flügels bedeutete nicht den Verlust seiner Mission.

Ich glaube gerne, dass ich auch eine Mission habe. Und vielleicht ist es nicht wichtig, als Erste dort hinzukommen, sondern unterwegs zu sein. Und wie ich mich nun umsehe, dann sehe ich nur Menschen mit verbeulten Flügeln, und jene, die ich am meisten bewundere und beneide, fliegen nicht höher und eleganter als ich, sondern lassen sich von alledem einfach nicht beirren.

Der Marienkäfer übernachtete in dem leeren Biomüll-Behälter in der Küche. Wahrscheinlich war er ganz zufrieden da und ich beschloss, dass er fortan nicht mehr meine Verantwortung war. Sarah schrieb noch, ich solle ihn doch seinem Schicksal überlassen: «Entweder er findet ein Quartier oder er wird Teil der Nahrungskette.»

Ich denke, er hat sein Quartier gefunden. Ordner und Bücher und Holpersteine auf dem Weg konnten ihn nicht zerquetschen. Ich glaube, er überlebte, weil er leben wollte. Und wir, Ich und Er und Sie und Du, wir wollen es doch auch. Wir wollen irgendwohin, vielleicht nicht weit, und wir wollen etwas sein, vielleicht nicht viel – aber es reicht, um weiterzugehen. Wir lachen und wir zerbrechen, und wir fallen und wir stehen wieder auf. Wir haben die Verantwortung, einander zu tragen, und wir haben die Verantwortung, einander im rechten Augenblick dem Schicksal zu überlassen. Denn dafür sind wir selber verantwortlich.

Die Eisdealerin

Manchmal kommt er mir vor wie eine Notaufnahme, der kleine Laden an der Marzilistrasse. Selbst bei starkem Regen stehen die Leute da dicht an dicht, gehen murmelnd alle Eissorten durch – welche passt am besten? Mare di Nutella gegen Herzschmerz, Sorbetto di Cioccolato gegen den Stress des Alltags, Himbeer-Ingwer für die Lebenslust und Fior di Latte zur Besänftigung des Gemüts. Für alle, die es nach Labung für Leib und Seele verlangt, steht schon eine Medizin bereit, und sie klammern sich an ihre Waffeln und Becher, dicht aneinander gedrängt auf dem kleinen Stückchen Fenstersims.

Manchmal fühle ich mich wie eine Drogendealerin. Wenn ich die heimlichen Allergiker, ADHSler und Diabetiker mit Waffeln voller Caramel- und Vanille-Eis versorge, dann fühlt sich das fast ein bisschen illegal an. Aber dann kommen wieder vierzehnjährige Mädchen in ihren viel zu knappen Bikinis und dem verschmierten Lippenstift und bestellen «drei Kugeln Nutella in der Waffel», und da bin ich so stolz auf sie. Dass sie trotz des ganzen elenden Dazugehörens noch nicht angefangen haben, Kalorien zu zählen. Dass sie das Leben so ungeniert geniessen.

Manchmal, da bin ich wie das quietschende Zahnrad in einer grossen Maschine. Ein kleines bisschen notwendig, ein kleines bisschen austauschbar. Ich spüre die Bewegung überall, das Einstechen mit dem Spachtel, das leichte Abdrehen und das Abstreichen auf der Waffel. Ich höre die immer gleichen Sätze auch im Traum, wie der Refrain eines nie enden wollenden Ohrwurms: «Im Becher oder in der Waffel?» – «Normale Schokolade oder Schokoladensorbet?» – «Gross oder klein?» – «Drei fünfzig, bitte!» Und dazwischen immer wieder: einstechen, drehen, abstreichen. Zwischendurch die Klage: «Warum ist mein Eis so klein?!» Und dann habe ich Mitleid mit diesen Erwachsenen, die den Tränen nahe in einer Eisdiele stehen. Ich habe nicht gewusst, dass man Eisdielen unglücklich verlassen kann.

Manchmal ist die kleine Gelateria ein Treffpunkt: Ort des Wiedersehens und der Begegnung und der Herzlichkeit. Da fallen sich gestandene Businessmänner unter Jubelschreien in die Arme, da tauschen sich Mütter über den Ballettunterricht ihrer Töchter aus, da gibt es schüchterne erste Dates. Viele Gesichter erkenne ich wieder. Den Vater mit seinen Töchtern, die immer drei Kugeln von den Früchtesorbets nehmen. Die Asiatin, die kein Deutsch kann und deren fünfjährige Tochter gewandt in perfektem Schweizerdeutsch für sich und ihre Mama bestellt. Die alte Frau, die immer auf einen Schwatz bleibt, egal, wie lange die Schlange hinter ihr auch ist.

Meistens fällt es mir ganz leicht zu lächeln, wenn ich hinter der Vitrine stehe. Da benehmen sich Erwachsene plötzlich wie Kinder, drücken ihre Handflächen gegen das Vitrinenglas, genieren sich, die italienischen Namen der Gelati zu auszusprechen und bestellen darum lieber «Das da!», entscheiden sich dreimal um, bevor sie sich in ihrer Wahl sicher sind, werden ungeduldig, wenn sie lange anstehen müssen … ich liebe sie, diese unbeholfenen Erwachsenen, die ja doch nur winzige Riesen sind.

Manchmal steht ein Regenbogen über dem kleinen Raum an der Marzilistrasse. Da ist ein bisschen Sommer stecken geblieben, da ist ein Stückchen Welt, das noch in Ordnung ist.

Beitragsbild: http://www.gelateriadiberna.ch

#Prayfor – Wofür denn eigentlich?!

#PrayforParis lautete der prominente Hashtag vor einem halben Jahr. Dann #PrayforBrussels, letzte Woche war es #PrayforNice, am nächsten Morgen #PrayforIstanbul. Heute Abend wird das Internet von #PrayforMunich-Hashtags überschwemmt. Es ist wie eine schlechte Seifenoper, das gleiche Konzept mit verschiedenen Locations, das Internet findet’s irgendwie cool. Dabei frage ich mich, wer denn tatsächlich betet für alles, was im Augenblick geschieht. Ich tue es nicht. Heute Morgen betete ich kurz für meine Hündin, als ich sie im Gesicht bluten sah. Ein entzündeter Kratzer, nichts Schlimmes, wie mir der Tierarzt versicherte. #PrayforFili wird also nicht online gehen. Aber wenn ich für alle diese Menschen beten möchte, wo fange ich denn bloss an? Ich möchte für alle die Toten beten, auf dass sie Frieden finden und Ruhe. Ich denke an John Green, der sagt: «Thomas Edison’s last words were „It’s very beautiful over there„. I don’t know where there is, but I believe it’s somewhere, and I hope it’s beautiful.» Aber es gibt ja so viele, die noch nicht «over there» sind, die mit Schusswunden im Bauch und geprellten Schultern in Krankenbett liegen. Ich wünsche ihnen, dass sie rasch wieder gesund werden. Das sind die einfachen Gebete. Sie sind konkret, praktisch. Besonders aber möchte ich für die Menschen beten, die mit einem leeren Kinderwagen nach Hause gehen mussten, die heute Nacht in einem zu grossen Doppelbett übernachten müssen, denen morgen niemand ein Pausenbrot streichen wird; aber alle meine Gebete für sie bleiben leer. Ich kann ihren Schmerz nicht ahnen, jeder Versuch, mich ihm zu nähern erscheint höhnisch, geheuchelt und gezwungen. Sobald ich ihn ahnen kann, den Schmerz, ist er auch mein Schmerz und ich distanziere mich. Ich bete nicht. Ich bete nicht, dass diese Menschen Kraft haben oder Frieden oder Glück; woher sollen die das haben?

Und so liege ich die halbe Nacht wach, während im Hintergrund One Direction in der Endlosschleife läuft und ich mich zum Gebet geissle. Nicht so sehr, weil ich an Gott glaube, sondern weil ich hoffe, dass Gott an uns glaubt. Manchmal glaube ich selber kaum noch an uns, da ist der Liebe Gott doch unsere letzte Hoffnung.

Nein. Ich weiss, wofür ich beten will. Ich will für die Männer und Frauen beten, die  mir den Schlaf rauben. Die mit Schusswaffen in der Hand Einkaufszentren stürmen und Hashtags verursachen. Ihren Schmerz kenne ich. Das Alleinsein. Das Missverstandensein. Das Anderssein. Die Eifersucht. Der Frust. Die Angst. Die Wut. Ich möchte dafür beten, dass jemand sie liebt. Ich möchte dafür beten, dass etwas ihnen Halt gibt. Ein Gedicht, eine Erinnerung, ein Freund – nur nicht die Gewalt. Ich möchte dafür beten, dass sie verzeihen können. Ich möchte dafür beten, dass sie aus tiefem Herzen lachen, dass sie weinen, dass sie stundenlang den Wolken zusehen, Harry Potter lesen und Salsa tanzen. Und plötzlich ist das kein Gebet mehr für Terroristen, sondern für die Verkäuferin im Supermarkt und den Bademeister im Marzili. Ein Gebet für meine Freunde, und ein Gebet für mich. Es braucht keinen Hashtag, keinen solidarischen Farbfilter auf meinem Facebook-Profilbild. Es braucht nur dies: eine Prise Nächstenliebe. Vielleicht bringe ich die grimmige alte Tante von gegenüber heute zum Lächeln. Vielleicht ist das das Schönste, was heute in ihrem Leben passiert. Beim Abendessen lief im Radio ein Lied von Hannes Wader:

«Ob in der Zukunft die Welt
eine Wüste in ewiger Nacht,
die niemals mehr Leben gebiert,
oder ein blühender Garten sein wird,
steht auch in unserer Macht.»

Ich möchte es glauben. Ich möchte glauben, dass Freundlichkeit die Welt besser macht. Ich möchte glauben, dass ein junger Mann dem IS heute nicht beigetreten ist, weil ich ihm ein extra grosses Eis verkauft habe (obwohl er doch nur für ein kleines bezahlt hat).

Ich möchte für den blühenden Garten beten.

High Street Shopping

London, Oxford Circus. Vierzehn Uhr, ein Montag. Eine Welle von Menschen trägt mich aus der U-Bahn und schwemmt mich zu den Ticketkontrollen vor dem Ausgang. Ich muss nach meiner Oystercard suchen und verursache prompt einen kleinen Stau; die Menschen hinter mir schimpfen auf deutsch, auf spanisch, auf italienisch – sie alle sind extra angereist, um einkaufen zu gehen, hier in der berühmten Oxford Street. Ich bin angereist, weil ich einen Tapetenwechsel brauchte; fünf Tage mal nicht Eis servieren oder mir im Kunstmuseum die Beine in den Bauch stehen, fünf Tage mal nicht am Schreibtisch verbringen müssen, fünf Tage nur für mich.

Ich finde meine Oystercard und lasse mich weitertreiben, an den Schranken vorbei, die Treppen hoch, an die frische Luft. Die Menschen drängen sich in alle Richtungen an mir vorbei. Ich presse meine Handtasche fest an mich und konzentriere mich auf meine Mission. Nur kurz das Geburtstagsgeschenk für Samantha abholen, dann schnell zum Disney Store eine Rapunzelpuppe für Anastasia besorgen und dann schleunigst nach Hampstead und dort im Waterstones Café auf Lucy warten. Der Gedanke, dass ich in gut einer Stunde in einen warmen Scone beissen werde, beruhigt mich. Ich schaue links, ich schaue rechts. Ich sehe Menschen, Menschen, Menschen, Busse, Autos, Baustellen, Souvenirstände reihen sich aneinander – der da vorne verkauft Tickets für Lion King, der neben mir krönt sich mit günstigen Sitzen in Matilda … Meine Blase drückt. Ich schaue links, ich schaue rechts. Schliesslich entscheide ich mich für die Richtung, in welcher ich eine McDonalds-Filiale erspähe. Ich habe den Eindruck, auf der falschen Strassenseite zu sein; wie ein Geisterfahrer bewege ich mich gegen den Strom. Ein Ellbogen landet hart an meiner Schulter. «Excuse you!», ruft die Dame, der er scheinbar gehört, mir noch hinterher. McDonalds ist gerappelt voll. Meine Idee, mir noch kurz ein paar Pommes zu holen, wo ich doch schon hier bin, verwerfe ich gleich wieder. Ich krieg ja bald meinen Scone. Ich stelle mich hinter die anderen fünfzehn Frauen, die vor dem Badezimmer warten. Die alle, wie ich, nichts gegessen haben, einfach mal für kleine Shopping-Queens müssen.

Als ich endlich wieder auf der Strasse stehe, ist eine halbe Stunde vergangen. Ich weiss gar nicht mehr, woher ich überhaupt gekommen bin. Ich schaue links, ich schaue rechts. Dann werfe ich mich in die Hände des Schicksals und laufe einfach los. Vor mir erstreckt sich ein Fluss von Taschen, in jedem Geschäft gibt es eine neue, jeder Einkauf ist eine kleine Kriegsbeute und verdient seine eigene Plastiktüte.

Neben mir tut sich plötzlich eine riesige Primark-Filiale auf. Ich möchte sie aus Prinzip nicht betreten, aber ich brauche nur etwas kleines, und ich weiss schon genau, was es ist; ich bin nicht gewappnet für den Krieg, der im Innern des Ladens stattfindet. Kleidungstücke liegen wild auf dem Fussboden zerstreut, Frauen streiten sich um das letzte Paar Schuhe (es gibt sie noch in rosa, aber offensichtlich betonen nur die grünen die Augenfarben der Damen). Die richtige Grösse zu finden dauert alleine zwanzig Minuten, und da hätte ich schon fast aufgegeben. Ich schicke ein leises Stossgebet zum Himmel, als ich mit der ersten Hälfte meiner Beute an der Kasse stehe. Die Verkäuferin sieht mich nicht an, als ich ihr die zwei Teile auf die Theke lege. Mit gelangweilter Stimme liest sie die Preissumme vom Display ihres Computers ab und stopft die Sachen lieblos in eine Papiertüte. Ich setze an, sie darauf hinzuweisen, dass ich die Einkäufe durchaus in meiner Tote Bag mitnehmen kann, aber der Blick, den sie mir schenkt ist von Gift erfüllt, und ich halte die Luft an.

Bevor ich mich wieder nach draussen wage, verbinde ich mit dem gratis WiFi des Ladens. Der Disney Store ist am anderen Ende der Oxford Street. Vielleicht sollte ich mir doch ein Paar von diesen albernen Feenflügel kaufen, wo ich schon hier bin.

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Ich trage eindeutig die falschen Schuhe für meine Mission. Rosa Ballerinas, die mittlerweile ganz grau sind, weil so viele fremde Füsse sie im Vorbeirauschen schon getreten haben. Wanderschuhe wären angemessener gewesen, denke ich. Oder Therapieschuhe. Vor mir gehen drei Frauen in zehn-Zentimeter-Absätzen. Ihre Knöchel zittern mit jedem Schritt gefährlich und sie müssen ihr Gleichgewicht mit ihren Taschen von Body Shop, Primark und H&M ausgleichen. Ich drängle mich an ihnen vorbei. Nicht ohne ein gewisses Grad an Belustigung entdecke ich ihre schmerzverzerrten, gepuderten Gesichter, das angestrengte Lächeln, das ausdrücken soll, dieser Ausflug hier wäre The time of my life, während sie in Wirklichkeit doch lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen würden. Ich ignoriere meine schmerzenden Knöchel. Irgendwo habe ich wohl einen Fehltritt gemacht und nun zucke ich mit jedem Schritt zusammen. Aber wenigstens muss ich nicht um mein Gleichgewicht fürchten.

Der Disney Store ist immer das Highlight eines Besuchs in London für mich. Die Musik, die Kostüme, die Puppen – alles ist wie für mich gemacht. Aber heute läuft die Titelmusik von einer Disney Channel Serie, die ich nicht kenne. Zu poppig, zu laut. Ich gehe nach unten und lasse mich in Cinderellas goldene Kutsche fallen. Ein paar Väter bleiben irritiert stehen. Sie wollten eigentlich ihre kleinen Töchter darin fotografieren. Ich überschlage meine Beine und warte, bis ich meinen Herzschlag wieder spüren kann, bis Let It Go aus den Lautsprecheranlagen ertönt, bis ich mich wieder auf meinen Scone aus der immer näher rückenden Zukunft konzentrieren kann.

Ich frage eine Verkäuferin nach Rapunzel. Sie verschwindet zehn Minuten im Lager und kehrt mit einem Arm voll Plüschpuppen zurück. Keine davon Rapunzel. Die ist ausgegangen. Aber hier sind Jasmin, Arielle, Pocahontas und Mulan. Anastasia, drei Jahre alt, wird die alle nicht erkennen. Die Verkäuferin verschwindet wieder, dann kommt sie mit sechs verschiedenen Kleidchen wieder. Ob ich einen Korb brauche? Ich lächle gequält, winke ab. Als die Verkäuferin mir den Rücken zudreht, schnappe ich mir Tinker Bell. Die kennen wir schliesslich gut. Das Mädchen an der Kasse sieht aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, als ich nur diese eine Puppe bezahlen möchte. «It must be very exhausting, working here», beobachte ich mitfühlend. Sie sieht mich aus dankbaren Augen an. «I’m not going to lie», seufzt sie. «It’s no fun at all.»

Es sind zweieinhalb Stunden vergangen, als ich endlich wieder an einem U-Bahnhof stehe. In einer halben Stunde treffe ich Lucy, den Scone kann ich knicken. Ich betrachte noch einmal die Geschenke, die ich gekauft habe. In ein paar Wochen werde ich sagen: «Das habe ich in London für dich gekauft.» Und jemand wird mir antworten: «Ach, wie cool! In London kann man einfach saugut shoppen!»

Dabei sollte ich sagen: «Ich war auf einem Feldzug mit Napoleon. Dies sind meine Errungenschaften!»

All You Need Is Love

Wir beide im Café. Es ist der immer gleiche Austausch nach Wochen des Einander-Nicht-Sehens – «Wie geht es dir?» – «Gut. Dir?» – «Gut.» Uni, Arbeit, Familie sprechen wir kurz durch, dann stellst du die Frage, die du eigentlich schon von Anfang an stellen wolltest, obwohl du die Antwort schon kennst:

«Und wie läuft es mit der Liebe?»

Und meine Antwort darauf ist doch auch immer dieselbe: Ein Schulterzucken. Ein schiefes Lächeln. Ein leises Grunzen.

In Wirklichkeit willst du ja gar nicht wissen, wie es mit der Liebe läuft, sondern ob ich in den letzten vier, fünf Wochen, seit wir uns gesehen haben, einen Mann kennengelernt habe, den ich attraktiv finde und der mich auch attraktiv finde. Habe ich aber nicht.

Ich ernte eine mitleidsvollen Blick und den Spruch: «Der Richtige kommt schon noch, nur keine Angst.»

Ich habe keine Angst … «Wie läuft es mit der Liebe?» – Ja, du, saugut läuft es mit der Liebe! Ich werde nämlich von ziemlich vielen Leuten geliebt. Mein Papa macht immer Pfannkuchen für mich, wenn ich zu Besuch bin, weil das meine Leibspeise ist. Meine Mama und ich waren vor zwei Monaten zusammen in Berlin, nicht weil wir irgendetwas brauchten, sondern einfach, weil wir gerne Zeit miteinander verbringen. Mein Bruder lädt mich oft zum Tee ein und wird es nie zu müde, über Witze zu lachen, die sonst keiner versteht. Meine kleine Nichte nennt mich «Tante Noemi» und mittlerweile umarmt sie mich auch, wenn ich zu Besuch komme. Manchmal, da komme ich Abends nach Hause und finde eine Postkarte im Briefkasten von einem Menschen, der nicht in den Ferien war, sondern in seinem Alltag an mich gedacht hat. Einfach so. Eine Freundin von mir hat mir kürzlich ein altes Plüschtier von sich geschenkt, weil es sie an mich erinnert hat. In meinem Bücherregal steht ein Bilderbuch, das heisst «I ha di weisch wie gärn» – es ist die berndeutsche Version von dem Hasen, der seine Mama bis zum Mond und wieder zurück lieb hat. Ein Geburtstagsgeschenk.

Wenn ich unglücklich bin, dann teilt jemand seine Schokolade mit mir, und wenn ich die Nacht durchtanzen will, dann finde ich jemanden, der bei mir bleibt, bis die Sonne wieder aufgeht. – «Der Richtige kommt schon noch!» – Es sind doch schon alle richtigen Leute da, oder? Aber du denkst, ich bin einsam und verzweifelt so als Single, als Einzelne. Du denkst an Liebe, wenn du von einem schönen Lächeln sprichst oder von einem Sixpack oder von seinem walldenden Haar. Du denkst, ich, so als Single, als Einzelne, bin unglücklich ohne den einen besonderen Menschen an meiner Seite. Ohne einen Mann. Aber du vergisst, ich hab ja auch noch mich! Und ich find mich eigentlich ganz in Ordnung so. Ich mag mein Spiegelbild und ich mag meine Gedanken und meine Gefühle. Ich mag auch all die Dinge, die du nicht magst, meinen Kleiderstil zum Beispiel oder dass ich immer gegen Säulen renne und über meine eigenen Füsse stolpere, dass ich manchmal lieber lese als tanzen zu gehen und dass ich Dinos immer noch toll finde.

Und dabei tust du mir leid, weil du meinst, bei dir läuft es mit der Liebe. Weil du glaubst, dass ein Mensch an deiner Seite mit einer Vorliebe für deinen Hintern dasselbe ist wie Liebe. Er liebt dich, dann brauchst du dich ein bisschen weniger lieb haben. Nicht bis zum Mond und zurück, nur bis zum Kiosk um die Ecke, das reicht dann.

Und vielleicht begegne ich dann plötzlich einem Lächeln, das mir gefällt und vielleicht gefallen mir dann auch seine Worte und die Art, wie er meinen Namen sagt. Und vielleicht wächst er mir ans Herz, so wie ich mir ans Herz gewachsen bin, und dann kann ich endlich sagen, was ich doch eigentlich auch jetzt schon sagen kann:

«Es läuft gut mit der Liebe!»

Denkst du manchmal noch an mich?

Denkst du manchmal noch an mich?
Denkst du manchmal noch an unser erstes Mittagessen auf dem Boden im Flur?
Hast du je daran gedacht, dass du es warst, die mich aufgefangen hat,
Bevor ich an der Wirklichkeit zerbrechen konnte?
Ich denk manchmal noch an dich und an das Knoblauchbrot und an die Tränen,
Die wir lachten.

Denkst du manchmal noch an mich?
Denkst du manchmal noch daran, wie ich gehen wollte
Und mich dann doch setzte?
Wie wir Wein tranken und nicht aufhören konnten zu reden,
Bis es drei Uhr morgens war?
Ich denk manchmal noch an dich und an die Art,
Wie du das Chaos in mir zur Ruhe bringst.

Denkst du manchmal noch an mich?
Denkst du manchmal noch an Santa Lucía?
Wir tranken Milkshakes in der Sonne und sprachen über Dichter
Und ich wollte, wir würden für immer Freunde bleiben.
Ich denk manchmal noch an dich und wie du lachtest
Und wie du mich zum Lachen brachst.

Denkst du manchmal noch an mich?
Denkst du manchmal noch an den Strand und die Stadt
Und die Cocktails im Eimer?
Ich denk manchmal noch an dich und an die Nacht,
In der wir uns suchten und fanden und uns schworen,
Uns nie mehr zu verlieren.

Denkst du manchmal noch an mich?
Denkst du manchmal noch an San Remo und an Nicétoile
Und an Harry Potter?
Es regnete Feuerwerk über unseren Köpfen und ich kaufte diesen
Ekelhaften Schokoladenkuchen.
Ich denk manchmal noch an dich und an die Pläne,
Die wir schmiedeten.

Denkst du manchmal noch an mich?
Bin ich zu einer goldenen Erinnerung geworden
Oder verblasse ich in matte Sepia-Töne?
Lachst du manchmal noch über meine Witze
Oder findest du sie nicht mehr witzig?
Fragst du dich manchmal noch, was ich fühle?
Wo ich bin und was ich denke?
Fragst du manchmal laut: «Denkst du manchmal noch an mich?» –

Ich denk manch manchmal noch an dich,
Und zwar täglich.

Zwischen vorhin und danach

AnnenMayKantereit, am 16.04.2016 im Volkshaus Basel. Eindrücke.

Genau um 19:50 Uhr fängt es zu regnen an. Ich renne die letzten Meter zum Volkshaus, die Jacke tief über mein Gesicht gezogen. Ich bin viel zu müde für laute Musik und Menschen. Meine Knie schmerzen vom vielen Stehen den ganzen Tag und ich muss mich anstrengen, um meine Augen offen und die Mundwinkel oben zu halten.

Eigentlich kenne ich die Band gar nicht. AnnenMayKantereit. Bis heute Morgen kannte ich nur das eine Lied, dann habe ich mir natürlich den Rest über Spotify auch noch angehört, aber bis auf die eine oder andere Zeile habe ich schon alles wieder vergessen. Ich weiss ja noch nicht einmal, wie der Sänger heisst. Die Mädchen vor mir dagegen bestimmt. Sie können nicht älter als sechzehn sein, und als die Band die Bühne betritt, werfen sie ihre Haare in den Nacken und stellen sich auf die Zehnspitzen, ihre Rufe gehen im Geschrei der Masse unter. Ich frage mich, wie lange sie wohl spielen werden. Fünfzehn Lieder lang? Zwanzig?

Nach zehn Minuten merke ich, dass ich vergessen habe, zu zählen. Es macht nichts, ich bin gar nicht mehr müde. Vor mir schweben Feuerzeuge. Ich drehe mich um und sehe sie überall im Raum zerstreut. Valentina hält ihre Polaroid-Kamera hoch. Ich verstehe, was er sagen will, der Sänger, dessen Namen ich nicht weiss. «Alles, was ich brauche, ist ein bisschen Nichts. Ein bisschen weg von jetzt. Irgendwo zwischen vorhin und danach.» Ich verstehe ihn, weil wir uns genau da befinden; «zwischen vorhin und danach.» Selbst die beiden Mädchen vor mir sind ruhig geworden. Ihre Handys haben sie in den Taschen ihrer Jeans verstaut.

Es ist heiss zwischen all den Menschen, eingepfercht in diesem Raum. Aber ich schaudere trotzdem. Vor Rührung vielleicht. Oder vor Ergriffenheit. Vor diesem seltenen Etwas, das bei mir Gänsehaut verursacht. Vielleicht ist es die Ehrlichkeit seiner Worte. Eine Intimität, auf die er uns einen Blick gestattet. Ich denke, dass ich gerne darüber schreiben möchte. Über diesen Jungen mit der rauen Stimme, der seine Seele vor uns niederlegt, klein und wehrlos und ungeschützt. Und ich wünschte, wir wären alle so wie er, so voller Mut und mit einem kleinen bisschen Vertrauen. Ich wünschte, wir würden alle mehr von den Momenten erzählen, in denen wir «gemeinsam einsam liegen», in denen wir «barfuss am Klavier» sitzen und Liebeslieder schreiben. Ich spüre, dass die kleinen Momente in Wirklichkeit ganz gross sind.

Der Sänger bedankt sich beim Publikum und bei den Technikern und bei den Leuten, die das Abendessen gekocht haben. Dann stehen die vier Seite an Seite am Bühnenrand und verbeugen sich, so als wären sie keine Rockband, sondern nur vier Kleinkünstler, die über die kleinen Momente sprechen. Und wir stehen im Kreis und lassen die Leute an uns vorbeiziehen. Wir sind alle ein bisschen sprachlos, aber wir reden trotzdem. Und wir halten uns aneinander fest, obwohl wir gar keinen Halt brauchen. Jemand macht einen Witz und wir lachen und ziehen unsere Jacken an. Aus dem Polaroid-Bild ist nichts geworden, man sieht nur Köpfe und etwas Rauch. Draussen regnet es immer noch, aber das macht uns nichts aus, «Es geht mir gut», denke ich und sehe, dass die anderen das gleiche denken wie ich, und das ist das schönste Gefühl: mit anderen Menschen in der gleichen Seifenblase zu schweben. Irgendwo zwischen vorhin und danach.

Berlin schliepdisch Alter ischwöre

In drei Wochen fahre ich nach Berlin (*kleines Fanfarenspiel bitte*), und ich finde es ganz richtig, dass die Leute ständig sagen: «Boah, wie geil!» oder: «Wow, ich bin ja so neidisch!» oder: «Ich will auch!» Ihr habt alle recht, ihr Neider!

Berlin ist mit den Jahren zu einer meiner absoluten Lieblingsstädte geworden (Lieblingsstadt #1: Bern!). Das hat überraschenderweise (für mich) wenig mit dem grossen Angebot an Diskotheken, Bars und Clubs, und noch nicht einmal mit dem «neuen» (vor ein paar Jahren war er das noch) Primark zu tun. Irgendwie hatte ich nie die Gelegenheit Berlins Nachtleben auszukosten, wenn ich da war, und zu exzessivem Shoppen kam es auch nie.

Für mich ist Berlin eine Stadt des Lebens. Es ist keine schöne Stadt, und als ich das erste Mal zu Besuch war, fühlte ich mich von dem ganzen Hype um die Deutsche Metropole regelrecht verarscht. Alles ist dreckig und laut und überall herrscht Verkehr, und wo kein Verkehr ist, drängeln die Touristen. Es dauerte seine Zeit, bis wir uns anfreundeten. Nun, da wir beste Freunde sind, muss ich aber immer noch sagen: Es ist keine schöne Stadt. Es ist eine hässliche Stadt mit schönen Flecken. Und das hat für mich so etwas unglaublich Lebhaftes; dass wir Willens sind, alles Wüste zu vergessen und nur das Schöne zu sehen!

9.August2012-103

7.August2012-15

9.August2012-115

Berlin ist eine Stadt, die entzwei geteilt war, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Da stand einmal eine hohe Mauer, die Familien, Freunde und Liebende von einander fernhielt. Und was machten die Berliner? Sie durchbrachen diese Mauer! Ich glaube, ihr Gewissen wurde so laut, dass sie nicht anders konnten, als darauf zu hören. Und als sie dann vereint waren, Osten und Westen, rissen sie die Mauer nicht in einem Sturm von Wut und Hass nieder, sie liessen sie stehen. Und anstatt diesen Teil der Vergangenheit wie ein Mahnmal einer bösen und finsteren Zeit stehen zu lassen, machten sie eine Galerie daraus. Vor den Ruinen der Mauer veranstalten sie einen Flohmarkt. Brocken der Mauer verkaufen sie an Touristen. Es heisst immer, die Deutschen hätten keinen Humor, aber ich finde, dass sie sehr viel Humor haben müssen, um auf diese Weise mit der eigenen Vergangenheit umgehen zu können.

Berlin erinnert mich an ein Blümchen, das durch den Asphalt stösst und im Schatten wächst und blüht. Und so viele Füsse haben es schon getreten, so viele Hände wollten es ausrupfen, aber es richtet sich immer wieder von Neuem auf und blüht immer weiter. Und das ist doch, was jedes Leben ausmacht: Der Wille zum Leben. Zum Neuanfangen. Zum Fröhlichsein. Zum Blühen.

6.August2012-09

4.August2012-01

Eine Freundin von mir hat kürzlich ein Lied geschrieben mit dem Titel Golden Memories, und als ich es mir anhörte, merkte ich erst, wie «golden» fast alle meine Erinnerungen an Berlin wirklich sind. Der Fahrradausflug mit Tamara. Der Sonnenuntergang am Wannsee. Wie Claire und ich in diesem Brunnen rangen und dann am Nordbahnhof fast einschliefen. Als Anna und ich beschlossen, uns nicht betrinken zu gehen und im Prenzlauerberg um Mitternacht Eis schlemmten. Valentina, die in Mannheim auf dem Boden lag, weil sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Bethi und ich im Bad dieser abgestandenen Bar, wo wir uns so viel zu erzählen hatte. Ingas Zug, der einfuhr, und ich war so aufgeregt, sie wieder zu sehen.

In drei Wochen fahre ich zum ersten Mal mit meiner Mama nach Berlin, und vielleicht kommen wir um den einen oder anderen Zickenkrieg nicht herum. Aber das ist, was Berlin so «golden» macht: dass alles Schlechte nicht das Gute überschatten kann.

Ciao for now!
xxx

Alle Photos: © by Jonathan Liechti