Tag 7 — Ein Hobbit in Honduras

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Beinahe eine Woche ist es nun schon her, seit ich in Honduras angekommen bin nach einer Reise, die länger gedauert hat als der Weg nach Neuseeland – und Neuseeland ist so ziemlich am Ende der Welt! Wirklich anstrengend war aber nicht in erster Linie die Reise selbst, sondern meine eigene Nervosität und die ständige Frage „Was, wenn…?“ Was, wenn ich nicht abgeholt werde? Was, wenn ich Tegucigalpa nicht mag? Was, wenn ich keine Freunde finde?

©Noemi Scheurer
©Noemi Scheurer

Erst im Flugzeug von San Salvador nach Tegucigalpa kam mir ein anderer, neuer Gedanke: Was, wenn ich ein Hobbit bin? Es gibt eine Szene in Eine unerwartete Reise, in der Bilbo sagt: „I often think of Bag End. I miss my books, and my arm chair, and my garden. See, that’s where I belong. That’s home.“ Ich fühle mich oft sehr klein in der Welt und Honduras drohte, mich zu verschlingen, aber zu begreifen, dass ich mein Zuhause vermissen darf, hat meine Sicht auf die Dinge wirklich verändert. Hobbits sind kleine Wesen, die gerne bequem zu Hause sitzen und ihre Pfeife rauchen und nicht dazu geschaffen sind, ihre kleine Welt zu verlassen – und dann tun sie es trotzdem! Und sie gehen auf Abenteuer und kämpfen gegen Drachen und retten die Welt und kehren mit Kisten voller Gold nach Hause zurück. Und als ich im Flugzeug sass und auf Honduras hinabblickte, erinnerte ich mich, dass Hobbits sehr schlechte Tage haben, aber dann stehen sie wieder auf und kämpfen.

Ich bin jetzt seit einer Woche in Tegucigalpa und ich habe kaum etwas gesehen. Und das ist erschreckend, denn ich war im Einkauszentrum, in zwei Schulen, in einem Lager in Valle de Angeles… und nirgends ein Anzeichen der extremen Armut, die in Honduras herrscht. Dass man sich so bewegen kann, ohne davon Notiz nehmen zu müssen, erscheint falsch; es sollte nicht möglich sein, aber es ist.

Andererseits habe ich selten ein Land von solcher Herzlichkeit erlebt. Selbst die mit Maschinengewehren bewaffneten Polizisten vor den Gebäuden lächeln freundlich, wenn man vorbei geht. Die Menschen lachen viel und tanzen gerne und sie lieben ihr Land!

Das Wochenende verbrachte ich in einem Lager mit anderen Freiwilligen, und es war unter anderem eine gute Gelegenheit, das Essen kennenzulernen; Frijoles (Bohnen) gibt es zu jeder Mahlzeit und ein Frühstück kommt einem Mittagessen gleich! Seit gestern bin ich in DSC03574meiner Gastfamilie, die im Augenblick aus Mutter, Vater und zwei Kindern besteht. Zwei andere Kinder sind nicht da (die Familienverhältnisse sind da etwas kompliziert, wie es scheint). Im Augenblick teile ich das Zimmer mit meiner Gastschwester, Samantha, bis der Bruder, Jesua, im Februar für ein Jahr nach England geht und ich sein Zimmer kriege. Die Familie ist wahnsinnig freundlich und um mich besorgt. Sie ist ausserdem sehr, sehr reich. Das Haus ist ein Schloss und ich fühle mich ständig etwas verloren in der grossen, leeren Eingangshalle mit dem auf Hochglanz polierten Fussboden. Natürlich gibt es eine Hausangestellte, die lustigerweise Mirjam Noemi heisst (mein zweiter Name ist Mirjam!). Jesua ist sehr darum bekümmert, mich nicht versauern zu lassen, nimmt mich mit zur Post, zur Bank, zu „Dunkin‘ Donuts“ und redet und redet und ich verstehe nur jedes dritte Wort. Nächste Woche beginnt meine Arbeit im Projekt, bis dahin gibt es Spanischunterricht, ich lerne busfahren (als Mitfahrerin, wohlgemerkt. Auch das muss hier gelernt sein!), morgen geht es zum ersten Mal richtig in die Stadt… es bleibt auf jeden Fall spannend!

Und ganz im Gegensatz zu Bilbo habe ich einige Bücher dabei und muss keinen Drachen ausrauben. Was kann da noch schiefgehen!

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