Tag 14 – Wo ist Morazán?

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Drei Dinge, die ich in den letzten zwei Wochen gelernt habe: Erstens, es ist vollkommen in Ordnung wegen der Amtseinsetzung des neuen Präsidenten die Schule zu schwänzen. Die meisten Bildungseinrichtungen sind sowieso geschlossen. Zweitens, Mangos haben die Grösse von kleinen Kürbissen. Drittens, meine Gastfamilie besitzt nicht nur einen Jetski, sie vermietet ihre Küche auch jede Woche an ein Fernsehteam, das hier eine Kochshow filmt!

Heute ist der 27. Januar, Juán Orlando Fernández, der im November neu gewählte Präsident, wird eingesetzt. Dafür wird eigens der spanische Prinz eingeflogen. Die Leute in Tegucigalpa halten sich vorwiegend an zwei Orten auf: Im sicheren Zuhause oder auf der Strasse. Nicht nur die Unterschicht ist unzufrieden, auch breite Teile der Oberschicht empören sich über die korrupte Regierung und demonstriert in den Strassen Tegucigalpas. Die Unruhe ist überall spürbar; als wir am Dienstag in die Stadt gingen, kamen wir am Kongress vorbei, wo laut gestritten wurde. Ein paar umstrittene Gesetze wurden verabschiedet und dabei fühlte sich die Opposition scheinbar so übergangen, dass sie kurzerhand das Podium stürmte und die Mikrofone zerstörte!

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Sicht von El Picacho auf Tegucigalpa

Tegucigalpa ist eine Marmite-Stadt – eine, die man entweder liebt oder hasst (und bitte Marmite nicht im Spanisch-Wörterbuch nachschlagen, es ist ein australischer Brotaufstrich und wer einmal davon gekostet hat, weiss, was ich meine!). Es ist ein Wirrwarr aus Farben, Lärm und Schmutz mit seinem ganz eigenen Ambiente. Zwischen all den renovationsbedürftigen Gebäuden steht eine hübsche, kleine Kathedrale, die innen vollkommen vergoldet ist und die kein bisschen ins Stadtbild passt. Aber dann gibt es auch kleine Buchhandlungen, Künstlercafés und Strassenhändler. Irgendwie gehen die ganzen Gegensätze Hand in Hand.

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Meine Gastschwester, Samantha

Am Donnerstag fuhren wir auf den El Picacho, den Hausberg von Tegucigalpa. Man hat von hier nicht nur einen schönen Blick über die ganze Stadt (zum Beispiel weiss ich jetzt ungefähr, wo ich wohne!), man sieht auch, wie krass die Gegensätze sind. Gleich am Hang des Berges bis ziemlich weit an den Rand des Zentrums stehen die Armenviertel, gleich daneben reihen sich die Villen der Superreichen!

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Mangrovenwäldchen in San Lorenzo. Im Hintergrund die Halbinsel Zacate Grande.
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Frachter, der Rohstoffe nach Asien bringt

Gestern fuhr ich mit meiner Gastfamilie nach San Lorenzo. Angekündet wurde der Ausflug folgendermassen: „Nos vamos a comer!“ – „Wir gehen essen!“ Tja, und dann fährt man gute zweieinhalb Stunden zum Restaurant! In Tegucigalpa war es 23°C warm, ich trug meine schwarze Jeans im Bewusstsein, dass es stark windete und am Vortag noch geregnet hatte – in San Lorenzo herrschten 36°C! Es ist ein sehr hübsches kleines Städtchen am Meer mit Mangrovenwäldern, die im Wasser schwimmen. San Lorenzo ist ausserdem der Pazifikhafen von Honduras. Von hier werden Rohstoffe nach Asien verschifft. Meine Gastmutter empörte sich sehr über diese ungerechte Verteilung, da die Bevölkerung von diesem Handel keineswegs profitiert. Wir fuhren an all diesen ländlichen Gebieten vorbei, wir sahen diese Blechbauten, die nur die grosszügigste Seele „Häuser“ nennen würde, und irgendwann sagte sie: „¿Dónde está Morazán? – „Wo ist Morazán?“ Wie viele andere glaubt auch sie, dass nur ein idealistischer Anführer Honduras aus dem tiefen Loch helfen kann, in dem es feststeckt.

Doch ganz egal, wen man fragt, die Antwort bleibt stets die gleiche: „Honduras es un país hermoso“ – „Honduras ist ein schönes Land“.

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