Tag 49 — El Rítmo Latino

One comment

„…because when you stop and look around,
this life is pretty amazing!“
Dr. Seuss

Wenn man Honduras vor der Abreise mal kurz googelt, so hat man schnell eine ziemlich grauenhafte Vorstellung davon, wie sich das Leben im „gefährlichsten Land der Welt“ abspielt; Erschiessungsopfer, Flugzeugabstürze, Drogenhandel, Gewalt an Frauen und Kindern…  Was uns Google nicht zeigt, sind die Leute, die den neuen Lego-Film sehen wollen und über Nagellack diskutieren! Bei all dem Elend, das in Honduras geschieht, es gibt einfach immer noch Menschen, die glücklich sind. Und das ist etwas sehr, sehr Gutes.

Nebelregenwald La Tigra
Nebelregenwald La Tigra

Etwas vom Schönsten, das Honduras zu bieten hat, ist seine Natur. Letzten Sonntag fuhren wir nach „La Tigra“, einem Nebelregenwald gleich neben Tegucigalpa, in dem sich auch so exotische Tiere wie Jaguare und Ozelote verstecken. Viel mehr als eine Eidechse konnten wir aber nicht entdecken! Endlich wieder einmal zu Fuss gehen zu können, war mehr als erfrischend. In der Stadt fährt man wann immer möglich und nach achtzehn Uhr (Sonnenuntergang) ist niemand mehr ohne Auto unterwegs! Was ausserdem interessant (und dabei typisch honduranisch) war, waren die Eintrittspreise: 50 Lempiras (2 CHF) für die Einheimischen, 200 Lempiras (10 CHF) für die „Gringos“ (Ausländer)!

Phantastische Aussicht von La Tigra
Phantastische Aussicht von La Tigra
Michelle erklärt, wie ein Zug in Chiminike gelandet ist
Michelle erklärt, wie ein Zug in Chiminike gelandet ist

Die Natur mag schön und gut sein, aber was mir an ganz Honduras am besten gefällt, ist nach wie vor mein Projekt! Seit zwei Wochen bin ich jetzt den ganzen Tag im Museum und arbeite nun auch Samstags. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, wirklich zu arbeiten. Letzte Woche habe ich meine erste „Dinámica“ angeleitet („CAFÉ! CAFE-CON-LECHE-CAFE!“) und einer Gruppe von Kindern den Wasserkreislauf erklärt. Zum Glück haben sie brav mitgemacht, oder ich wäre wohl im Erdboden versunken (Löcher gibt es ja am Strassenrand genug)! In den Pausen lernen die Honduraner gerne deutsche Schimpfwörter. Meistens wenn ich nun morgens das Museum betrete, hallt es schon von weitem: „Blöde Siech!“ Was sie mittlerweile aber auch oft sagen, ist: „Ich hab‘ dich lieb, Harnickell!“ Sie sind sehr stolz darauf, meinen Nachnamen aussprechen zu können und mögen ihn deshalb lieber als „Noemi“!

Ausflug nach Santa Lucia mit der Chiminike-Familie
Ausflug nach Santa Lucia mit den „Chimis“
Vergnügter Abend mit den "Catrachos"
Vergnügter Abend mit den „Catrachos“ (v.l.n.r. Jorge, Maynor, Mariam & Alex)

Honduras ist „das gefährlichste Land der Welt“, aber das gefährlichste, das ich bisher erlebt habe, war, als wir am Samstag zu zwölft in einem Fahrstuhl, der für sechs konzipiert ist, stecken blieben. Der Alarmknopf funktionierte nicht, die Handys hatten keinen Empfang, und als wir nach guten fünf Minuten endlich Maynor, den Photographen von Chiminike, erreichten, glaubte der uns natürlich kein Wort! Zum Glück brauchte er aber eine Mitfahrgelegenheit und befreite uns schliesslich (mit Kamera bewaffnet und Lachtränen in den Augen).

An diesem Abend gingen wir alle feiern (der Anlass war nicht unsere Freilassung – in Honduras braucht es keinen Grund, um zu lauter Musik zu tanzen!); Natürlich ist die Partykultur hier eine völlig andere. Die Musik ist vorwiegend spanisch oder lateinamerikanisch und dazu wird getanzt. Bei uns heisst tanzen, man hält sich mehr oder weniger schüchtern an den Händen und wippt ein bisschen im Takt. In Honduras? Nichts da Händchen halten! Hände an den Hintern des anderen und eins und zwei und drei und „Movimiento Elemental! Uno, Dos!“ „Movimiento Elemental“ ist der Hüftschwung. Was man auch tut, Hauptsache, man schwingt die Hüfte. Natürlich irritiert es die Honduraner gar nicht, dass ich ungefähr so viel Rhythmusgefühl habe wie eine Kokosnuss. Die Latinos sind da sehr aufbauend. Hansell und Maynor riefen mir einen Abend lang zu: „Eso es el Rítmo Latino, Noemí!“

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Sackhüpfwettbewerb mit den Guías Educativos

Das ist, was ich an Honduras liebe: Es gibt die Armut, die Gewalt, die Korruption – und es gibt Leute, die tanzen! Eines meiner grössten Vorbilder hier ist Samuel, ein Blinder, der in meinem Projekt arbeitet. Letzte Woche suchte er mich und als er mich fand, sagte er vorwurfsvoll: „Noemi, wo warst du denn nun wieder, dass ich dich nicht sehen konnte?!“ Kürzlich kam er auch im Fernsehen – als Beispiel dafür, dass auch Blinde ein Leben führen können. Die Sendung ist unglaublich verkitscht, aber sie zeigt eben, wie sehr Blinde hier noch als Schwerbehinderte gelten! Das Video könnt ihr euch hier ansehen!

DSC03877Zu wissen, dass achtzig Prozent der Menschen in Honduras in extrem Armut leben und ich zu den anderen zwanzig Prozent gehöre, raubt mir manchmal schier den Verstand. Es ist krank, die Villen der Superreichen zu sehen und daneben ein Wellblech-Häuschen. Dazwischen nicht einmal eine Strasse, Wand an Wand stehen sie, die zwei Welten. Wer kann so abgestumpft sein, dass er so leben kann? Ich kann nicht anders, als mich zu empören, wenn ich bettelnde Kinder sehe und Leute, die im Abfall nach Essen suchen! Aber dann wiederum gibt es Leute wie man sie in Chiminike antrifft, die Lehrer werden wollen und sich in ihren Ferien in Projekten engagieren. Und dann habe ich immer Vertrauen in die Menschheit, weil es sind gute Menschen, die hier leben. Manche von ihnen sind furchtbar und innerlich zerbrochen, aber die Menschheit ist gut – daran glaube ich. Und wenn ich mich umsehe, dann denke ich, es stimmt, das Leben ist im Grunde ziemlich phantastistisch.

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