Tag 59 — „Und wie gefallen dir die Honduraner?!“

„Suiza es un país feo, Noemí!“ – „Die Schweiz ist ein hässliches Land, Noemí!“ Weil ich in drei Monaten und achtundzwanzig Tagen wieder abreisen muss, gab mir Carlos aus meinem Projekt gestern vier gute Gründe, weshalb Honduras sehr viel schöner ist als die Schweiz. Ihr werdet verstehen!

  1. In der Schweiz sind alle Strassen sauber. Dabei ist es viel aufregender, wenn man den Müll sehen kann, den die Leute aus den Autofenstern werfen!

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    Typisches Strassenbild in Tegucigalpa (© by Victoria Särnhult)
  2. Bei uns sind sogar die Flüsse so sauber, dass man in ihnen schwimmen kann. Was für Sauberkeitsfanatiker die Schweizer doch sind!
  3. Die Schweiz ist sicher. In Honduras hingegen ist jede Busfahrt ein Abenteuer. Vielleicht raubt mich jemand aus, vielleicht nicht – hach, der Adrenalinrausch!
  4. In der Schweiz dauert es lange, den Partner fürs Leben zu finden. Man muss miteinander reden und sich kennenlernen und dann ist man auf einen Menschen beschränkt. Hier reicht meine weisse Hautfarbe und ein bisschen „Movimiento Elemental“, und ich habe gleich drei auf einmal!

Von einer ernsteren Seite betrachtet, sind das vier eher tragische Faktoren, die ein Land ausmachen. Aber so ist die Taktik der meisten Honduraner, man kommt mit viel Witz und Ironie darüber hinweg. Einerseits darf man ja nicht in Gleichgültigkeit versinken angesichts der schwierigen Situation, andererseits muss man aber auch lernen, damit zu leben.
Und nur, um das festzuhalten, ich habe weder einen noch drei Freunde hier in Honduras!

Mit den Kindern von N.P.H.
Mit den Kindern von N.P.H.
Eine Busfahrt, die ist lustig... (v.l.n.r. Militza, Alonso, Jorge, ich, Victoria)
Eine Busfahrt, die ist lustig… (v.l.n.r. Militza, Alonso, Jorge, ich, Victoria)

Am Montag besuchte ich mit Chiminike das Kinderheim N.P.H. („Nuestros Pequeños Hermanos“). Es war bereichernd zu sehen, dass es auch in Honduras solch gute Einrichtungen gibt, die Kindern und Jugendlichen eine gute Zukunft ermöglichen.

Honduraner können sich auch in Bussen, die die Geschwindigkeitsbegrenzung längstens überschreiten, nicht stillhalten!
Honduraner können sich auch in Bussen, die die Geschwindigkeitsbegrenzung längstens überschreiten, nicht stillhalten!

Nach einem langen Rundgang durch das Gelände (es ist riesig mit Werkstätten, Schule, Bibliothek, Gebetsräumen… und und und!) führten wir schliesslich kleine Theater auf, sangen Lieder und spielten mit den Kindern. Besonders die Theater sind von unglaublicher Bedeutung für die Kinder. Im „Cuenta Cuentos“, dem Märchen, entscheidet sich die Prinzessin gegen den eingebildeten Prinzen und für den tüchtigen Bäckerssohn, mit dem sie aber nicht in den Sonnenuntergang reitet, sondern an die Uni studieren geht. Der Schlüssel zu einer besseren Zukunft ist schliesslich Bildung, und bilden lässt sich nur, wer seine Bedeutung erkannt hat.

Der Prinzessin gefällt der schöne Prinz überhaupt nicht!
Der Prinzessin gefällt der schöne Prinz überhaupt nicht!
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Tamarindensaft im Beutel

Für mich war der Ausflug ausserdem interessant, weil ich zum ersten Mal mein Getränk in einem Plastikbeutel erhalten habe – beim Kauf! Das ist sehr normal hier, kein Strohhalm, einfach die Ecke abreissen und den Beutel im Mund behalten!

Am Dienstag folgte gleich der nächste volle Tag. Ich konnte mit den Verantwortlichen von HEKS Honduras (Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz) die Halbinsel Zacate Grande im Süden des Landes besuchen. Die Bauern, die das Land bewirtschaften, kriegen die Ausbeutung durch die Reichen deutlich zu spüren. Privatisierte Strände und Villen, die auf Maisfeldern gebaut werden, versperren den Zugang zu den wichtigsten Nahrungsmitteln, den Leuten wird so jegliche Existenz geraubt. Sich gegen die Grossgrundbesitzer zu wehren, bringt Verhaftungen und Morddrohungen mit sich (mehr Informationen: hier).

Typisches Haus auf Zacate Grande
Typisches Haus auf Zacate Grande
"Y cómo te parecen los Catrachos?!" – Mit Roxana am Strand
„Y cómo te parecen los Catrachos?!“ – Mit Roxana am Strand

Trotzdem war es aber einer der fröhlichsten Nachmittage, die ich hier in Honduras verbracht habe. Die Leute sind voller Energie im Kampf für ihr Land und freuten sich über meinen Besuch. Und wenn man mit ihnen redet, dann sind sie vor allem das: Menschen. Die junge Roxana, die sich vehement für die Rechte ihrer Leute einsetzt, war letztlich besonders daran interessiert, ob ich schon einen schönen Honduraner kennengelernt habe und wie es „Juanito con los ojos muy lindos“ geht, einem Schweizer Freund, den sie während ihrem Besuch in der Schweiz kennengelernt hat. Ein Mädchen bleibt eben immer ein Mädchen!
Als wir am späten Nachmittag Zacate Grande wieder verliessen, musste ich an ein Zitat von Hank Green denken, das an diesem Ort an unglaublicher Bedeutung gewonnen hat:

 „I‘m just trying to remember that the world is a good place and that the number of hugs per gun shot victim is very very high.“DSC04463

Ich denke, es lohnt sich, optimistisch zu bleiben. Auch wenn noch vieles zu tun ist, um eine gute Zukunft zu schaffen, muss man auch an das Gute glauben. Darum ist es besser, die Sterne zu zählen als die Toten, und immer daran zu denken, dass es auch in Honduras Cupcakes gibt!

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