Tag 70 — Warmduscher

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Eine der meiner Meinung nach absurdesten Beleidigungen ist „Warmduscher“; ich habe noch nie nachvollziehen können, was falsch daran ist, warmes Wasser zu mögen, und wie man das jemandem zum Vorwurf machen kann! Hier also mein Outing: Ich bin ein Warmduscher!

Gruppenaktivität am Mittag (v.l.n.r Mili, Kelly, Alexis, Yanina & Hansell)
Gruppenaktivität am Mittag (v.l.n.r Mili, Kelly, Alexis, Yanina & Hansell)
v.l.n.r. Ricardo, Miria, Bernard, ich & Jorge
v.l.n.r. Ricardo, Miria, Bernard, ich & Jorge

Aber der Reihe nach: Ich habe eine intensive und ereignisreiche Woche hinter mir, in der täglich zwischen drei- und siebenhundert Kinder das Museum besuchten, ich und sämtliche Mitarbeiter krank waren und wir kurzfristig ein Theaterstück zum Welttag des Wassers einstudierten (Wasser! – Da sind wir doch gleich wieder beim Thema!). Das Theater handelte von einem verzauberten Brunnen und sollte die Wichtigkeit des Wassers betonen. Gerade in Honduras, wo Recycling ein Fremdwort ist, können die Leute gar nicht genug darauf aufmerksam gemacht werden. Ich spielte natürlich nicht die vergiftete Prinzessin, die nur durch einen Kuss der Liebe wieder zum Leben erweckt werden konnte, sondern einen Zombie – Alonso, mein Chef, befand nämlich, ich bräuchte dafür auch gar kein Make-Up!
DSC04527Stellte sich nur das Problem, dass ich tanzen musste und das Rhythmusgefühl einer schwindligen alten Schnapsdrossel habe. Zum Glück bin ich aber auch als Zombie noch süss und mir wurde schnell vergeben, dass ich im Hintergrund zappelte und therapeutische Gestalten machte!
Sehr genial war aber die politische Botschaft, die Chiminike mit diesem Projekt vertrat: als der Hofnarr sich zum Führer des Volkes machen will, ruft er laut: „Voy a hacer lo que tenga que hacer!“ – „Ich werde tun, was ich tun muss!“ Diesen tollen Wahlspruch nützte schliesslich nicht nur dem Narren, sondern im vergangenen November auch Honduras‘ neuem Präsidenten, Juan Orlando!

v.l.n.r. Milovan, Bernard, Lesby, Maynor & ich
v.l.n.r. Milovan, Bernard, Lesby, Maynor & ich
Meine Gastfamilie
Meine Gastfamilie

Am Mittwoch beschloss meine Gastfamilie kurzfristig, das Wochenende in Copán zu verbringen, wo die Maya-Ruinen stehen. Die Reise dauerte gut sieben Stunden, exklusive Rast. Ich war absolut entzückt vom kolonialen Stil des Städtchen und von den Grünflächen, die es im trockenen Tegucigalpa schlicht nicht gibt. Die Ruinen selbst sind natürlich unbeschreiblich. Es ist so leicht, sich vorzustellen, wie hier einst gelebt wurde…! Und dann bleibt der Gedanke hängen, dass diese Kultur uns weit überlegen war und dennoch ein jähes Ende fand – sei es nun durch die Zeit oder die Menschheit, es steht eben nichts für die Ewigkeit. Man fühlt sich ganz klein vor diesen Tempeln, wenn man sich das alles in Erinnerung ruft!

Maya-Tempel in Copán
Maya-Tempel in Copán
Samantha & ich
Samantha & ich

Als ich am Sonntagmorgen vor der Abreise duschen wollte, musste ich natürlich feststellen, dass Copán (richtig: ganz Copán!) weder warmes Wasser noch Elektrizität hatte. Wer einmal im Dunkeln kalt geduscht hat, weiss ein Schloss, wie ich es in Tegucigalpa habe, doch unglaublich zu schätzen (auch wenn das Wasser hier ebenfalls nur zögernd warm wird)!

Wilder Papagei
Wilder Papagei

Es war eben ein typisch honduranischer Ausflug – das Mittagessen am Samstag dauerte vier Stunden, zum Frühstück am Sonntag gab es erst Zuckerwatte und dann Pupusas und die Stadt wurde ausschliesslich im Auto besichtigt.

Heute ist für mich ein besonders wichtiger Tag: ich fuhr zum ersten Mal alleine in die Stadt und zurück, ohne mich zu verirren oder ausgeraubt zu werden! Wie gesagt, ich bin ein Warmduscher, erst recht, nachdem mir die Chimis letzte Woche beim Essen genüsslich schilderten, wie sie bereits ausgeraubt wurden. „…und dann hat er mir die Pistole hierhin gehalten und gesagt…!“ – „Das ist noch gar nichts, bei mir kam einer mit einer Machete und…!“ Hansell und Alex versuchten mich schliesslich zu beschwichtigen, indem sie mir sagten, das wären ja nur Anekdoten, und überhaupt, ich wisse gar nicht, was ein Adrenalinrausch sei, bis mir jemand ein Messer an die Kehle gehalten hat!

Auf der Rückfahrt von Copán kamen wir an Amerikas ältester Uhr in Comayagua vorbei
Auf der Rückfahrt von Copán kamen wir an Amerikas ältester Uhr in Comayagua vorbei

Ich denke, auf diesen Adrenalinrausch kann ich getrost verzichten! Angst habe ich aber nach wie vor keine. Ich bin selten alleine unterwegs und wenn, dann nur auf kurzen Strecken. Sorgen mache ich mir ernsthaft mehr darum, meine Haltestelle zu verpassen!

Ja, ich bin ein Warmduscher, ich werde nie in einer rebellischen Phase nachts alleine durch die Gegend ziehen oder eine Gucci-Handtasche im Bus präsentieren, damit auch ja alle sehen, dass ich reich bin (besonders da ich diesige nicht besitze). Ein Warmduscher zu sein, ist wirklich keine Beleidigung, denn so, wie ich das sehe, sind es die Warmduscher, die wissen, wie sich kaltes Wasser anfühlt und darum beschlossen haben, dass es warm viel angenehmer ist!

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