Tag 79 — !Dios Mío!

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Es ist wohl die grösste Diskussion in der Geschichte der Menschheit: Gibt es einen Gott?! Während in unserer europäischen Gesellschaft der Glaube eine Nebenrolle spielt, so ist die Religion in Honduras ein grosses Thema und für viele Leute ein Muss. „Jesús es amor“ heisst es auf allen Bussen und Wänden und in jeden Haushalt gehört eine Maria. Dieser Kontrast zwischen der Schweiz und Honduras ist im Prinzip die Weltanschauung vieler: Es gibt die Atheisten und die Extremisten und dazwischen gähnende Leere. Zuzugeben, dass man an Gott glaubt, heisst, in eine Schublade gesteckt zu werden, in der man zwischen jedem Atemzug betet, Harry Potter den Teufel verkörpert und Schokolade dick macht (wie, die macht das überall?)! Atheisten sind die Hipster, die liberal denkenden, jene, die es geschafft haben, sich zu emanzipieren und die es nicht nötig haben, an eine höhere Macht zu glauben. Wo da genau das freie Denken bleibt, ist ein Mysterium, denn der Atheismus ist mittlerweile zum Mainstream geworden – kurz, ein überzeugter Atheist ist in der Regel schneller überzeugt als ein gläubiger Christ. Es bleibt gerne unerwähnt, dass es auf beiden Seiten hartnäckige Extremisten gibt.

"Yo yo sacudía sacudía sacudía!" Alma leitet eine Dinámica an
„Y yo sacudía sacudía sacudía!“ Alma leitet eine Dinámica an

In Chiminike zum Beispiel wird jeden Tag zusammen gebetet. So beginnt der Tag und so endet er. Als ich dies erzählte, fielen die Reaktionen aus allen Wolken. „…sag einfach, du willst nicht…!“ – „…was ist denn das für eine Sekte…?!“ Okay, wahrscheinlich wäre das bei uns nicht möglich, und das macht es ein wenig befremdend. Aber können wir nicht einfach akzeptieren, dass es wundervoll ist, dass junge Menschen Vertrauen in etwas Gutes haben und daraus Kraft schöpfen können? Um kein Extemist zu sein, wird von einem religiösen Menschen erwartet, dass er seinen Glauben weder erwähnt noch lebt. Entschuldige, aber gelten für Atheisten nicht dieselben Regeln? Letztlich ist der Atheismus doch genauso eine Überzeugung wie es der christliche oder islamische Glaube ist. Nur weil er sozial höher angesehen ist, ist er nicht richtiger. Und dann die Frage: Ist es denn so schrecklich, dankbar zu sein?

Alexis begeistert die Kinder mit dem "Lorax"
Alexis begeistert die Kinder mit dem „Lorax“

Die Frage nach Gott ist letztlich völlig lächerlich und längst nicht von solcher Bedeutung wie die Frage, welchen Sinn wir unserem Leben geben. Niemand bringt dies besser auf den Punkt als der Schriftsteller John Green:

„Stell dir vor, du erwachst mitten in der Nacht und dein Haus ist voller Rauch, und du hörst eine unsichtbare Stimme, die ruft: „Dein Haus brennt!“ In dieser Situation fände ich es völlig uninteressant, darüber zu diskutieren, woher die Stimme kommt und wie sie in mein Haus gekommen ist, und ob es Gott oder ein Feuerwehrmann war. Ich würde einfach, na ja, verschwinden!
Kurz gesagt, die blosse Existenz Gottes zu erörtern, ist, für mich zumindest, eine Art, die tiefere und absolut umwerfende Frage zu umgehen, wie wir dem menschlichen Leben einen Sinn geben können. Ich glaube, das ist ganz generell die Bedeutung von Religion. Religion ist notwendigerweise eine Antwort auf Offenbarung. Und diese Offenbarung ruft uns fast immer dazu auf, Bedeutung zu begrüssen oder, wenn diese nicht immanent vorhanden ist, Bedeutung zu schaffen. Aber das stimmt auch für atheistischen Humanismus – wir alle stehen vor derselben Frage: Was tun wir mit unserem Bewusstsein?“

Alexis, Viviani & Milovan studieren das Schattentheater zum Rotkappchen ein...
Alexis, Viviani & Milovan studieren das Schattentheater zum Rotkappchen ein…
...und das Theater im Endprodukt!
…und das Theater im Endprodukt!

Honduras ist ein Land, in dem unglaubliche Toleranz nötig, aber seitens der Kirchen oft  nicht vorhanden ist. Den Gottesdienst hier zu besuchen ist eine befremdende Angelegenheit, die Predigt wird gebrüllt und das ganze besteht aus etlichen Ritualen und lautem Gesang. Aber Toleranz heisst nicht nur, dass niemandem mit Gewalt der Gottesglaube aufgedrängt wird, es bedeutet auch, dass niemandem dieser Glaube verboten wird. Was letztlich zählt, ist nicht der Glaube an das Gute oder an das Böse oder an das Nichts; was zählt, sind die Taten, zu denen uns dieser Glaube antreibt. Wie viele Leute wir jeden Tag zum Lächeln bringen wiegt mehr als wie viele Gebete wir täglich sprechen. Amen!

Nachwort: Nicht, dass die Bilder irgendetwas mit dem Text zu tun haben! Ihr sollt aber wissen, dass ich vergangene Woche nicht ausschliesslich damit verbracht habe, mich über hartnäckige Atheisten zu ärgern (kaum eigentlich)! ;)

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3 comments on “Tag 79 — !Dios Mío!”

  1. „Letztlich ist der Atheismus doch genauso eine Überzeugung wie es der christliche oder islamische Glaube ist. Nur weil er sozial höher angesehen ist, ist er nicht richtiger.“

    Außergewöhnliche Behauptungen bedürfen außergewöhnlicher Beweise. Im Falle Gottes stehen schlagkräftige Beweise nach wie vor aus. Die Beweislast liegt bei den Gläubigen. Der wesentliche Unterschied zwischen Atheismus und Theismus ist, dass der Theismus Glauben erfordert. Insofern ist der Atheismus tatsächlich die leichtere Position, da Gott noch nie wirklich durch offensichtliche Präsenz aufgefallen ist. Ob das den Theismus besser macht oder Theisten zu den größeren Denkern, ist eine andere Frage.

    Weiter halte ich die Behauptung gewagt, dass Atheismus Mainstream sei. Er ist unter Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen Mainstream. Ich habe gelesen, dass du deine Matura abgelegt hast; daher kommt dir das wahrscheinlich so vor. Generell sind die Konfessionslosen – zumindest in Deutschland und der Schweiz – noch deutlich in der Unterzahl. In der Schweiz sind es nur rund 20%, in Deutschland rund ein Drittel der Bevölkerung.

    Eigentlich wollte ich mich aber auch gar nicht so sehr über Glauben auslassen und auch nicht in diesem Umfang; eigentlich bin ich eher versehentlich über deinen Blog gestolpert und eigentlich will ich nur sagen, dass er mir gefällt. Meinetwegen sollen die Leute glauben woran sie wollen. Frei nach Friedrich: Jeder soll nach seiner Facon selig werden.

    „Was letztlich zählt, ist nicht der Glaube an das Gute oder an das Böse oder an das Nichts; was zählt, sind die Taten, zu denen uns dieser Glaube antreibt.“

    Dem kann ich mich anschließen.

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    1. Tolles Feedback! Letztlich geht es mir nicht darum, Atheisten zu beleidigen, schliesslich ist jeder zu seiner eigener Meinung berechtigt. Grundsätzlich wäre es aber schön, wenn von beiden Seiten etwas mehr Toleranz vorhanden wäre, da wir schliesslich, wie John Green bereits gesagt hat, vor derselben Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens stehen.
      Ich kann mich deiner Meinung sehr gut anschliessen, und freue mich, dass mein Blog Gefallen findet! :)

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