Tag 97 — 90 Tage mehr

Vor dreieinhalb Wochen erhielt ich eine SMS von einer unbekannten Nummer, die lautete: Fuck, dude, we need to go to fucking Belize next week!

Tryg geniesst die Sonne auf San Fernando
Tryg geniesst die Sonne auf San Fernando

Diese präzise Wortwahl liess keinen Zweifel offen, dass es sich hierbei nur um meinen isländischen Freund, Tryggvi, handeln konnte. Sein Wunsch, so plötzlich mit mir nach Belize durchzubrennen, hatte allerdings wenig mit dem Bedürfnis nach Zweisamkeit und Karibik zu tun und mehr mit der Erneuerung unseres Visums. Da Honduras keine Studentenvisen ausstellt, sind wir nur mit einem Touristenvisum ausgestattet, das nach drei Monaten erneuert werden muss. Dazu müssen wir neu ins Land einreisen – vorausgesetzt, wir haben Zentralamerika davor ganz verlassen!

DSC04885

Zum Glück aber muss man in diesem Teil der Welt nichts vorausplanen! Wir hatten uns für eine Route entschieden, und am Samstagmorgen ging es los. Um halb sieben Uhr Morgens nahmen wir den Bus nach San Pedro Sula, eine Industriestadt im Norden Honduras‘. Von dort brachte uns ein Minivan nach Puerto Cortes, wo wir in einen alten Schulbus umstiegen, der uns am frühen Nachmittag in Omoa absetzte, wo wir die Nacht verbringen wollten. Omoa ist ein kleines Städtchen an der Karibikküste Honduras‘, und wir nutzten die Zeit, um die alte Befestigungsanlage, San Fernando de Omoa, zu besichtigen, die von den spanischen Einwanderern als  Schutz gegen die brandschatzenden Piraten gebaut worden war.

Tryg mischte Punta Gorda ein wenig auf
Tryg mischte Punta Gorda ein wenig auf

Früh am Sonntagmorgen machten wir uns auf den Weg zur Grenze von Guatemala, wo uns ein kleiner Bus erwartete, der uns nach Puerto Barrios brachte. Von dort nahmen wir schliesslich ein Wassertaxi nach Punta Gorda und erreichten das Städtchen nach dem Mittag. Der Plan war, vier Nächte zu bleiben, die Tage am Strand zu verbringen und braun zu werden, aber der Kulturschock wiegte schwer: der Ort war vollkommen ausgestorben, nichts war geöffnet, Strände gab es keine, und unser Hotelzimmer glich einer Gefängniszelle. Frustriert sassen wir am Ufer und hatten schon fast beschlossen, nach Honduras zurückzukehren, als wir zwei Engländer kennenlernten, die uns vorschlugen, mit ihnen nach Placencia zu reisen. An diesem Abend fanden wir eine von pensionierten Kanadiern belebte Bar, die hier ihre innere Jugend auslebten, was Punta Gorda schliesslich doch noch ein wenig Ambiente verlieh.

Strand in Placencia
Strand in Placencia
Da lebten die Piraten den Karibik!
Da lebten die Piraten den Karibik!

Placencia war absolut wundervoll. Wir ernährten uns eine Woche lang nur von Pommes Frites und Hamburgern, lagen im weissen Sand und sprachen über Harry Potter. Was interessant war, war auch, von unserem Leben in Honduras zu berichten. Die wohl populärste Frage ist: „Ist es nicht echt krass, dort zu leben?!“ Ich antworte darauf immer sehr gelassen, dass es nicht so schlimm ist, wie man glaubt, dass mir noch nie etwas passiert ist, dass ich mich mehr als sicher fühle, dass ich immer den Bus nehme… und dann beginnt Tryg zu erzählen, und es ist, als sprächen wir von zwei verschiedenen Ländern. Er berichtet von Strassen in der Gegend, in der er wohnt, die nicht geteert sind, er schildert die Schüsse, die er nachts hört und erzählt, wie ein wilder Taxifahrer ihn mit einer Pistole gesucht hat. Das zeigt, wie stark die Kontraste in diesem Land sind, selbst innerhalb der gleichen Stadt!

Abend mit Kanadiern
Abend mit Kanadiern

Nach einer zweitätigen Heimreise, kamen wir am Freitagabend schliesslich in Tegucigalpa an. Ich war vollkommen glücklich, wieder in meinem Bus im Stau zu sitzen, den Dreck zu sehen und mich über den Lärm aufzuregen. Man gewöhnt sich eben an Orte und plötzlich hat man sie lieb.

DSC04965

Zurück in der Chimi-Familie -- Hansell und Viviani erklären ein Spiel
Zurück in der Chimi-Familie — Hansell und Viviani erklären ein Spiel

Am Samstag hatte ich zunächst vor, auszuschlafen, entschied dann aber, den Tag in Chiminike zu verbringen und Moleküle zu erklären. Tryg konnte dazu nur die Augen verdrehen („Das ist eine Sekte!“), besonders weil ich an dem Abend natürlich völlig übermüdet und nicht imstande, irgendetwas zu unternehmen, war!

Die Karwoche verbrachte ich mit meiner Gastfamilie im Ferienhaus in Zambrano, wenig ausserhalb von Tegucigalpa. Nach der aufwändigen Belize-Reise war das der perfekte Urlaub. Ich verbrachte viel Zeit mit Samantha, meiner Gastschwester – wir gingen ins Kino (abgesehen von Chris Evans‘ umwerfender Schönheit ist „Captain America 2“ nicht weiterzuempfehlen), zum Friseur (zehn Minuten für meinen Haarschnitt, und mich reut das Geld nicht mehr, das ich in der Schweiz bezahlen muss), ins Nagelstudio (extrem wichtig), spielten Ping Pong und trieben als Wasserleichen im Pool herum. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, absolut nichts für mein Glück tun zu müssen – nicht selber zu putzen, zu kochen oder auch nur den Teller aus dem Schrank zu holen!

Das Ferienhaus meiner Gastfamilie in Zambrano
Das Ferienhaus meiner Gastfamilie in Zambrano
Samantha vertreibt sich die Zeit mit Fussball
Samantha vertreibt sich die Zeit mit Fussball

Inzwischen sind wir wieder in Tegucigalpa, nachdem Samantha gestern ihr dringendes Bedürfnis nach Internet und Handy-Verbindung zum Ausdruck gebracht hat („Tengo que comunicarme!“) – wofür ich eigentlich auch dankbar bin, da ich meinen Schokolade-Cornflakes nun wieder ganz nahe bin!

Es ist ein gutes Leben mit den Catrachos, wie sich die Honduraner selber nennen! In dem Sinne wünsche ich euch frohe Ostern und teile ein Gedicht von Shel Silverstein mit euch, damit ihr auch etwas zum Grinsen habt:

„A genuine ant eater,“
The pet man told my dad.
Turned out, it was an aunt eater,
And now my uncle‘s mad!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Tag 97 — 90 Tage mehr

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s