Tag 105 — „Such dir ein Leben!“

Ich habe mittlerweile einen Zustand erreicht, in dem jeder Satz nur noch in Kindersprache aus mir herauskommt: „Heute schien die Sonne. Es war sehr heiss. Ich bin müde.“
Es ist die heisseste Woche des Jahres bisher und die Hitze hat meinen Verstand eindeutig etwas angebraten. Bereits um acht Uhr morgens läuft mir der Schweiss über das Gesicht, und wenn ich um halb sieben nach Hause komme, kann ich mich nur noch bewusstlos auf mein Bett fallen lassen. Nebst der Hitze kommen natürlich die intensive Arbeit und die zahlreichen Eindrücke dazu, die die letzte Woche für mich geprägt haben.

Milovan zeigt, wie man Papier recycelt
Milovan zeigt, wie man Papier recycelt
Kann man den Schmutz wirklich aus den Ozeanen entfernen?
Kann man den Schmutz wirklich aus den Ozeanen fischen?

Am Mittwoch besuchte ich mit einer kleinen Chiminike-Delegation die „Escuela Americana“, wo Botschafter und andere Oberreiche ihre Kinder hinschicken. Anlass dazu war der Welttag der Erde; an fünf verschiedenen Posten erklärten wir die Notwendigkeit von Umweltschutz, wie Recycling funktioniert und warum man die Meere vor Kontamination schützen muss. Die Umweltverschmutzung kriegt man hier im Augenblick deutlich zu spüren. Der Himmel ist ständig grau und verdunstet, viele Leute sind krank geworden. Trotzdem sieht man an jeder Ecke, wie Abfall verbrannt wird oder wie er achtlos aus den Autofenstern geworfen wird – Umweltschutz ist ein völliges Fremdwort hier.

Sloany und ich freuen uns mit Alonso über sein neues Lebensjahr!
Sloany und ich freuen uns mit Alonso über sein neues Lebensjahr!
Alle wollten sie ihre Liebe zum Ausdruck bringen!
Alle wollten sie ihre Liebe zum Ausdruck bringen!

Zum Glück gibt es aber auch Schönes zu berichten. Kürzlich war zum Beispiel der Geburtstag meines Chefs, Alonso. Am Freitag organisierten wir für ihn ein Überraschungsmittagessen, wofür ich am Freitagmorgen schwänzen musste („Disculpe, soy suiza!“), um mit Linda Tacos zu machen. Alonso ist einer der wundervollsten Menschen, die ich hier in Honduras kennengelernt habe. Er hat einen unglaublichen Humor (er ist es, der mir alle wüsten Wörter beigebracht hat, nicht Hansell, der sie braucht!) und ist für sämtliche Chimis eine wichtige Vaterfigur. Als Mariam vor einigen Wochen zu Unrecht von einer Chefin blossgestellt wurde, verbrachte er seine Mittagspause bei uns im Gemeinschaftsraum, um sich ihre Seite anzuhören.

v.l.n.r. Jorge, ich, Fátima, Carlos, Mariam & Alex
v.l.n.r. Jorge, ich, Fátima, Carlos, Mariam & Alex

Als er am Freitag schnallte, dass ich gar nicht Magenschmerzen hatte, wie ich vorgeschwindelt hatte, um kochen zu können, kam natürlich sofort die Rache: Am Samstag musste ich koordinieren. Der Koordinator wird jede Woche gewechselt. Seine Aufgabe ist es, einen Plan für die Gruppen aufzustellen, die kommen und dafür zu sorgen, dass in jedem Raum immer ein „Guía Educativo“ ist. Am Samstag zum Beispiel stellte sich das Problem, dass die Hälfte der „Guías“ im Theaterstück mitspielte, das jedes Wochenende aufgeführt wird und mir während zwei Stunden weniger „Guías“ als Räume blieben! Ich war bereits mehr oder weniger ohnmächtig, als mich Roberto, der mit mir arbeitet, an dem Abend nach Hause fuhr. Aber es war ein gelungener Tag, und ich stellte fest, dass ich es wirklich mag, Verantwortung zu haben (auch wenn ich alle zehn Minuten durch das Funkgerät auf „Adelante Coordinadora?“ antworten muss).

Marionetten-Workshop in Chiminike
Marionetten-Workshop in Chiminike
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Besuch der Universität

Ich war so zufrieden (und zugegebenermassen gelangweilt), dass ich am Sonntag gleich wieder arbeiten ging. „Buscáte una vida, Noemí! — „Such dir ein Leben, Noemí!“, war Mariams Begrüssung auf mein Erscheinen. Das war schliesslich das Stichwort für die Chimis, mit mir eine To-Do-Liste anzufertigen, die all die Dinge beinhaltet, die ich in der Zeit, die mir verbleibt, noch tun muss. Punkt sechs habe ich gleich heute abgehakt: Jorge holte mich heute Morgen von zu Hause ab, um mir die UNAH (Universidad Nacional Autónoma de Honduras) zu zeigen. Ich erhielt eine ausführliche Tour durch den botanischen Garten, sah Krokodile und werde in meinem Leben nie Mathematik studieren! Als weiteres Fazit kann ich nur sagen, dass die Schweiz in dem Areal Platz hätte (das ist keine Universität, das ist ein Shoppingcenter!).

Nach hundertfünf Tagen bin ich trotz Sonnenbrand, Mückenstichen und konstant schmerzenden Füssen von der Arbeit völlig verliebt in dieses Land!

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