Tag 140 — Für alle Fälle

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„It‘s okay, because I know you shine even on a rainy day!“
James Blunt

„Wenn du das liest, steckst du vermutlich gerade in einer kleinen Krise.“ – Mit diesen Worten beginnt eines der wohlüberlegtesten Abschiedsgeschenke, die mir mit auf meine Reise ins „gefährlichste Land der Welt“ gegeben worden sind, der Notfallbrief. Und der funktioniert so: Im Falle eines Notfalls wird der Brief geöffnet und die Krise vermindert (wir sprechen hier von einem emotionalem Tief, nicht dem Ausbruch eines Bürgerkriegs!). In diesem Fall enthält besagter Brief Antworten von James Blunt auf Lästerkommentare zu seiner Person im Internet (da Lachen ja stets die beste Medizin ist). Mein persönlicher Favorit: „I love James Blunt as much as I love herpes!“ – „I love that you‘re not ashamed to admit that you have both!“ („Ich liebe James Blunt genauso sehr wie Herpes!“ – „Ich finde es toll, ist es dir nicht peinlich, zuzugeben, dass du beides hast!“)
Hat der Brief seinen Zweck erfüllt? Nun…
Die Worte, „Im Notfall aufreissen“, auf dem Umschlag haben mich lange zögern lassen. Was ist ein Notfall? Dass ich keine Schokolade mehr habe, ist ziemlich ungemütlich, aber andere Volunteers mussten zusehen, wie Lastwagenfahrer erschossen wurden. Ich wollte den Brief auf keinen Fall an eine nichtige Krise verschwenden. Wer wurde also ermordet,  dass ich den Brief doch aufgerissen habe? Niemand; ich war bei der Arbeit, es fing an zu regnen und ich dachte instinktiv: „Shit, mein Fahrrad!“ Dann fiel mir ein, ich habe ja gar kein Fahrrad, ich nehme immer den Bus! Und da vermisste ich mein Fahrrad und die Freiheit, die es für mich bedeutet.
Die Wahrheit ist eben, dass die Sonne auf mein Leben scheint. Meine Tage hier sind in etwa so wie die Fertigmachlasagne aus der MIGROS: Sie sind gut, und wenn sie schlecht sind, sind sie immer noch ziemlich gut!

Gelungenes Fussballspiel mit den Chimis
Gelungenes Fussballspiel mit den Chimis
Turno A (v.l.n.r. Vicky, Lesby, Viviani, ich, Mili, Linda, Kely)
Turno A (v.l.n.r. Vicky, Lesby, Viviani, ich, Mili, Linda, Kely)

Vor zwei Wochen war ein weiteres Chiminike-Fussballturnier angesagt. Diesmal zwischen den Frauen. Besonders die Männer gaben dem Spiel ungeheure Bedeutung; mit Plakaten rannten sie wie die Wilden singend und johlend dem Spielfeld entlang und waren sofort mit Wasser zur Stelle, wenn eine von uns nach Luft schnappte – Fussball hat hier eben wirklich religiösen Status!

Vor der Kirche Los Dolores (v.l.n.r. Solany, ich, Kely, Fernando & Alexis)
Vor der Kirche Los Dolores (v.l.n.r. Solany, ich, Kely, Fernando & Alexis)

Am vergangenen Montag war wieder einmal Baleada-Tag. Zugegeben, fast jeder Tag hier ist Baleada-Tag für mich, weswegen ich mittlerweile auch Mühe habe, meine Hosen zu schliessen. Das geht inzwischen so weit, dass mich die Leute im Projekt „Gordita“ (Dickerchen) nennen!DSC05758
Die angeblich besten Baleadas in Tegucigalpa gibt es bei „Baleadas Lourdes“, gleich neben der Kirche Los Dolores. Und sie waren wirklich, wirklich gut! Wir verbrachten den Rest des Nachmittags mit Taubenverscheuchen auf dem Vorplatz der Kirche und fanden schliesslich ein kleines Künstlercafé, „El Paradiso“. Da hat man auf der einen Seite den ganzen Schmutz, die Bettler und grellen Fast-Food-Ketten, auf der anderen kommt man aber plötzlich an kleinen Bücherläden und gemütlichen Cafés vorbei, und irgendwie macht das den ganzen Ort ein klein wenig besser.

Puppentheater mit Milovan und Jorge
Puppentheater mit Milovan und Jorge
Yanina schmückt Roberto für das Theaterstück
Yanina schmückt Roberto für das Theaterstück

Die Arbeit im Museum ist nach wie vor „tranquilo“, wie man hier zu pflegen sagt. Die ganze letzte Woche durfte ich koordinieren, und ich muss sagen, ich mag es, befehlen zu können! Okay, vielleicht nicht so sehr das Befehlen und mehr das ständige in Bewegungsein.
Den ganzen vergangenen Monat über führten wir ein Schattentheater zu „El Arbol Generoso“ („Der Baum, der sich nicht lumpen liess“) auf. Die Geschichte handelt von der Freundschaft eines Jungen zu einem Baum, der von seinen Äpfeln bis hin zu seinem Stamm alles für den Jungen aufgibt. Den Kindern soll damit die Bedeutung der Bäume und unserer Umwelt allgemein fassbarer gemacht werden. Umweltschutz ist in Honduras ein fremdes Konzept, was mitunter mit der fehlenden Bildung zu tun hat.

...das Theater von hinten betrachtet!
…das Theater von hinten betrachtet!

Und hat der Notfall-Brief nun seinen Zweck erfüllt? Vielleicht. Letztlich spielt es gar keine Rolle, was genau in diesem Brief steht. Viel wichtiger ist es, zu wissen, dass es Menschen gibt, die an einen denken, die sich die Mühe machen, solche Briefe zu schreiben, die sich wünschen, dass es einem gut geht. Und vielleicht sind diese Freunde der wahre Grund, weshalb mein Fahrrad Notfall genug war, um den Brief zu öffnen.

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