Tag 155 — !Copiaro!

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Beim Zubereiten von Tamalitos -- Teigtaschen mit Reis & Fleisch in Bananenblätter
Beim Zubereiten von Tamalitos — Teigtaschen mit Reis & Fleisch in Bananenblätter

„Und was passiert, wenn wir Luft in unserem Magen haben, Kinder?“ Ein verhaltenes Kichern, keine Antwort. „Ich sag‘s so: Alles, was wir zu uns nehmen, Essen, Trinken und Luft, muss auf irgendeine Weise den Körper verlassen… wohin geht die Luft? Zum Bauchnabel?“ Weiteres Kichern, einige rufen laut: „Nooo!“ „Aha, in dem Fall? Durch die Ohren?“ Ein paar Mädchen beissen sich grinsend auf die Unterlippe, bis ein mutiger Junge endlich ruft: „Durch den Hintern!“ Und eine piepsige Stimme ruft hinterher: „Pedos!“ – „Fürze!“
Wie ich heute gelernt habe, ist nichts so unterhaltsam wie wohlerzogenen Honduranerlein Fürze und Rülpser zu erklären. Selten ist mein Publikum so aufmerksam und vergnügt, ausser vielleicht, wenn es darum geht, aus welchem Land ich komme, und für welche Mannschaft ich am 25. Juni jubeln werde – die Schweiz oder Honduras!

Mein Pogramm am Donnerstag
Mein Pogramm am Donnerstag

Die vergangene Woche war eine der anstrengendsten überhaupt. Ich war Koordinatorin der Morgengruppe, und so sehr es mir gefiel, sagen zu können, „Andáte para tu sala!“ – „Geh in deinen Raum!“, so war ich doch jeweils froh, wenn ich um zwölf meine Baleadas essen konnte, während mir Jorge aus Harry Potter vorlas und mich um den Nachmittag nicht zu kümmern brauchte! Für jeden Tag musste ich ein Programm vorbereiten, um genau zu wissen, wie viele Gruppen kommen würden und wann sie welchen Raum besuchten. Eine Gruppe hat fünfundzwanzig Minuten in jedem Ausstellungsraum gut, aber dann muss man bedenken, dass differenziert wird zwischen Privatschulen, die Eintritt bezahlen, und öffentlichen, die das Museum gratis besuchen, dafür aber gewisse Räume nicht betreten und deshalb mehr Zeit in den anderen haben.
Und dann gibt es Tage wie den Donnerstag mit siebenhundert Kindern. Davon haben hundert ein Spezialprogramm, weshalb zu Zeiten drei Räume auf einmal für die restlichen Gruppen gesperrt sind. Es gibt acht Räume, das bedeutet, ich kann nicht mehr als neun Gruppen machen, „Reservados“ (Privatschulen) und „Patrocinios“ (öffentliche Schulen) dürfen nicht gemischt werden – und wegen dem Spezialprogramm fehlt es mir an Guías! Ich hatte schliesslich neun Gruppen von bis zu siebzig Kindern und genau neun Guías, die sie durchs Museum führen konnten. Natürlich sieht es das Schicksal als absolut angebracht, mir spontan eine zehnte, nicht angemeldete Gruppe zu schicken und kurz darauf eine Familie, die findet, sie möchte doch auch gerne geführt werden. Und das, wo wir nachmittagelang Klatschspiele spielen, weil es an Besuchern fehlt! Ich rannte die ganze Woche schweissgebadet das Museum auf und ab, das Funkgerät ans Ohr gedrückt, um zu hören, falls jemand „Adelante, Coordinadora?“ rief. Und dann gibt es die tollen Freunde, die einen (in diesem Fall mich) vom letzten Raum bis ganz nach oben rennen lassen, um zu fragen, ob man (ich) ihnen Süssigkeiten kaufen kann! „Que parto!“, sagt da mein Chef, Alonso, nur – „Was für ein Depp!“

Bedrückte Stimmung nach dem dritten Tor Frankreichs gegen Honduras
Bedrückte Stimmung nach dem dritten Tor Frankreichs gegen Honduras

Am Sonntag schliesslich ein weiterer grosser Tag: Honduras gegen Frankreich. Da meine Gastfamilie verreist war, war Platz genug vor dem Fernseher für die „Zipotes“ von Chiminike. Was für ein Anlass! Die Jungs sahen sich das Spiel praktisch im Stehen an – alle anderthalb Minuten sprangen sie auf und brüllten „hijo de puta!“ und „jue, puta, maje!“. In der Pause dann die grosse Diskussion, wer Pizza holen geht, weil es ja sein könnte, dass man fünf Minuten vom Spiel verpasst. Aber weil ja doch nur jemand ein Auto hatte, war die Diskussion nach nur fünf Minuten beendet!

Das schönste am Kuchenbacken...!
Das schönste am Kuchenbacken…!

Das weitaus grössere Highlight für mich war der gestrige Tag, als ich gemeinsam mit Jorge Kuchen backte. Ich habe schon so lange nicht mehr gebacken, dass ich mich wie ein kleines Kind am Weihnachtstag fühlte, als ich Milch und Mehl verrührte. Hierzu ein kleiner Nebengedanke:
Warum ich zugenommen habe: Backte mit Jorge einen Schokoladenkuchen, wir assen den ganzen Kuchen. Kochten dazwischen Reis und Fleisch, tranken Cola dazu. Wälzten uns den restlichen Nachmittag auf dem Bett vor einem Film, in dem George Clooney im ersten Drittel stirbt und Sandra Bullock danach die einzige Schauspielerin ist, die vorkommt. Meine freien Tage gleichen sich wie ein Chinese einem andern!

Nach all der Arbeit (auch die meines Verdauungssystems, jawohl!) der vergangenen Woche, ändert sich nichts an der Tatsache, dass diese Woche für mich mit einem Haufen Spott beginnt.

Weshalb mich die Honduraner auslachen, go!

  1. Begrüssung am Morgen: „Hola, mi amor – miren que gordiiita!“ – „Hallo, Liebes – Schaut her, wie diiick sie ist!
  2. Da ich anstatt „copiado“ anscheinend meine ganze Koordination hindurch „copiaro“ ins Funkgerät gesprochen habe, antworten mir alle nur noch ausschliesslich mit „copiaro, Gringa!“
  3. „Noemí, bist du sicher, dass du kochen kannst?“ — weil ich ja schliesslich nicht wissen konnte, dass man hier den Reis vor dem Kochen waschen muss!
  4. „Noemí, wo trafen wir uns gestern?“ – „En el RedondEL!“ – „Beim Kreisverkehr.“ Machte für mich überhaupt keinen Sinn, dass die Betonung auf der letzten Silbe liegt!
  5. „Estás enchanchimbara, Suiza?“ – „Bist du wütend, Schweizerin?“ Weil ich scheinbar auch in diesem Fall „d“ durch „r“ ersetze. Ich wusste nicht, dass das überhaupt geht!
(v.l.n.r. Jorge, Mariam, ich & Carlos)
(v.l.n.r. Jorge, Mariam, ich & Carlos)

Bei alledem darf ich aber nicht vergessen zu erwähnen, dass ich genauso böse bin und bei den „Anomalias“ (ausgefallene Glühbirnen, kaputte Spiele…) für die verschiedenen Räume „Negro“ auf die Liste setzte, um Carlos zu ärgern.

Letztlich hat Reinhard Mey eben doch recht, wenn er sagt: „Wir sind alles lauter arme, kleine Würstchen // Unter lauter andern armen, kleinen Würstchen!“ Aber gemeinsam ist dieses Los nicht so schwer zu ertragen, und ich kann dazu nur sagen: „Copiaro!“

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