Tag 178 — „Raus hier, bevor sie dich adoptieren!“

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Hier sitze ich nun also nach hundertachtundsiebzig Tagen am Flughafen in Los Angeles, bereit für die Weiterreise nach Neuseeland. Hundertachtundsiebzig Tage. Jeder einzelne davon gelebt, gefühlt, jeder Tag ein kleines Abenteuer. Hundertachtundsiebzig Tage haben den Hobbit, den ich am Anfang war, wachsen lassen, sind vorbeigezogen, kommen nicht mehr wieder.
Hundertachtundsiebzig.
Ich kann es noch gar nicht richtig fassen, dass dieses Leben hier einfach aufhört. So viele kleine Momente, die mein Leben hier geformt haben, die nun einfach vorbei sind.

Hasta luego, Alex & Milo!
Hasta luego, Alex & Milo!

Die letzten Tage hier waren so intensiv, dass ich bisher kaum Zeit hatte, zu begreifen, dass alles seinem Ende zuging.

Hochzeit auf honduranisch
Hochzeit auf honduranisch

Vor zwei Wochen war ich mit meiner Gastfamilie zu einer Hochzeit eingeladen. Es versteht sich von selbst, dass der Aufwand, was Kleider, Schuhe und Make-Up angeht, hier wesentlich grösser ist als zu Hause in der Schweiz. Das verstand auch mein Chef, Alonso, und gab mir den Nachmittag davor Zeit, einkaufen zu gehen. Wie sich herausstellte, bin ich eine echte Amateur-Shopperin, wenn es ernst wird. Milovan und Jorge sahen es als ihre persönliche Pflicht an, mit mir ein Kleid auszusuchen, wofür sie das halbe Geschäft auf den Kopf stellten. Sie machten sich auch daran, nach dem richtigen Schmuck zu suchen, vertrauten dann aber doch lieber dem Urteil einer Freundin, die später dazustiess.  Ansonsten sind honduranische Hochzeiten nicht anders als unsere. Abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass die Kirche um zehn Uhr Morgens begann und wir um elf Uhr von zu Hause losfuhren, sodass wir nur die letzten zehn Minuten des Gottesdienstes mitkriegten.

Tryggvi feiert Geburtstag
Tryggvi feiert Geburtstag

Mein letztes Wochenende hier in Honduras verbrachte ich kaum zu Hause. Am Freitag schlief ich bei meiner Freundin, Mariam, wobei ich ihre ganze Familie kennenlernte. Ich erwähne dies, weil Pyjama-Partys hier nicht sind wie bei uns. Allein der Unterschied wie meine Freunde hier leben und wie ich lebe ist schlicht zum Kotzen. Und dabei gehören sie weder der Unterschicht an noch leben sie besonders schlecht. Aber die Tatsache, dass ein Haus die meiste Zeit kein fliessendes Wasser hat, ist für mich nicht normal, besonders wenn ich die riesigen Einkaufszentren und Luxushotels sehe, für die offensichtlich Geld vorhanden ist. Die Familien von Freunden kennenzulernen, ist immer ein reizendes Erlebnis. Sie sind oft sehr entzückt und wollen alles wissen, nach fünf Minuten wünschen sie sich, man würde bald wieder kommen und nach zehn Minuten ist man Teil der Familie. Am nächsten Morgen, als wir zur Arbeit gingen, hiess es sofort: „Raus hier, bevor sie dich adoptieren!“

Mit Alex auf dem Höhepunkt!
Mit Alex auf dem Höhepunkt!
Der Wasserfall von Pulhapanzak
Der Wasserfall von Pulhapanzak

 

Am Sonntag fuhren wir alle nach Pulhapanzak, einem Wasserfall, drei Stunden von Tegucigalpa entfernt. Auf dem Weg besuchten wir die Höhlen von Taulabé, in denen laut einer Legende 30‘000 Dollar vergraben sein sollen (die wir leider nicht fanden). Pulhapanzak war unglaublich atemberaubend. Und weil wir schliesslich hier in Honduras sind, ist der Weg entlang des Wasserfalls nur spärlich gezäunt. Konstant lagen mir die Ermahnungen der anderen im Nacken: „Cuidáte, Noemí!“ — „Con muuucho cuidado aquí, Noemí!“ — „Despacio!!“ Nur weil ich gelegentlich in Türen reinlaufe!10530698_10203536733074696_2063354333724722127_n

Der traurigste Tag war der Dienstag, als mein offizieller Abschied von Chiminike war. Wir assen gemeinsam zu Mittag, Alonso, unser Chef, hatte eine Präsentation der letzten sechs Monate vorbereitet, dann begannen sie alle zu sprechen und Geschenke auszupacken. Und ständig die Bitte: „Nunca nos olvides, escuchas?!“ — „Vergiss uns nie, hörst du?!“ Als könnte ich irgendjemanden von diesen wundervollen Menschen einfach so vergessen!

Gestern Abend schliesslich hielt es ein zweites Mal Abschiedsnehmen, diesmal in der UNAH, der Universität, wo wir uns noch einmal versammelten. Es bricht mir das Herz, alle diese guten Freunde zurückzulassen, aber dann kann ich doch nicht anders als lachen, wenn sie sich über meinen Akzent lustig machen.

v.l.n.r. Fernando, Alonso, Eliette, ich, Bernard, Sloany, Michelle, Yoni & Alma
v.l.n.r. Fernando, Alonso, Eliette, ich, Bernard, Sloany, Michelle, Yoni & Alma

Es ist so, wie das Zitat sagt:

Warum gehen wir fort? Damit wir zurückkommen können. Damit wir den Ort, von dem wir kommen mit neuen Augen und in neuen Farben sehen können. Und die Leute dort werden uns ebenfalls anders sehen. Dahin zurückzukehren, wo wir begonnen haben, ist nicht dasselbe, wie niemals fortzugehen.“ (Terry Pratchett)

Abschied in der UNAH mit Jorge, Milovan, Elisabeth, Vicky (vl.n.r. hinten), Alex & mir (vorne)
Abschied in der UNAH mit Jorge, Milovan, Elisabeth, Vicky (vl.n.r. hinten), Alex & mir (vorne)
Abschied von Mariam & Carlos
Abschied von Mariam & Carlos

Und das ist es, was ich tue. Heute kehre ich nach Neuseeland zurück, das ein Jahr lang mein Zuhause war. In zwei Wochen kehre ich in die Schweiz zurück, das immer mein Zuhause sein wird. Und bald, hoffentlich, kehre ich zurück nach Honduras. In der kurzen Zeit, die ich dort verbracht habe, habe ich die besten Freunde gefunden und mein Herz in einem verrückten Kindermuseum gelassen. Ich habe gelernt, keine Angst zu haben, zu sein, wer ich bin, schlechte Musik zu hören oder nicht gern Gemüse zu haben. Und nicht zuletzt kann ich nun mit Vertrauen sagen, dass man sich in jedem Winkel dieser Welt zu Hause fühlen kann, genau wie Milovan mir sagte:

„Da kommt ein Mensch vom anderen Ende der Welt und zeigt mir, wie toll es in jedem Winkel dieses Planeten zu leben sein kann!“

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