Wenn ich eine Stimme hätte

Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Jahren der Frau von meinem Papa bei der wöchentlichen Pflege ihrer Orchideen half. Ich trug jeden Topf einzeln vom Wohnzimmer in die Küche und sah ihr zu, wie sie die Pflänzchen sorgsam herausnahm und sie in warmem Wasser badete. Sie redete mit sanfter Stimme auf sie ein, liebevoll, als würden sie sie verstehen. «Das macht ihr gut», sagte sie ihnen behutsam. «Ihr blüht wunderschön.» Sie liess ihre Finger ganz vorsichtig über die zarten Blütenblätter streichen, fast, als würde die Berührung sie zerbrechen lassen.

Ich half ihr sehr gerne dabei. Ich fühlte mich auserkoren zu einer ganz besonderen und wichtigen Aufgabe: Das Pflegen von Elviras Orchideen. Gewiss durfte nicht jeder sie anfassen und gewiss ward nur wenigen das Privileg zuteil, sie aus ihren Töpfen zu heben. Es rührte mich, mit welcher Hingabe sie dieser kleinen Tätigkeit nachging.

Heute ist meine Schäferhündin in einen Stacheldraht gerannt. Weil sie einen tiefen Schnitt an ihrer linken Vorderpfote davontrug, ist meine Mama mit ihr zum Tierarzt gefahren. Der ist ein Freund und nahm die beiden rasch Mal vor. Er desinfizierte die Wunde und verband die Pfote mit einem Verband. Er wählte einen gelben mit Smileys, vermutlich weil er dachte, der Hund würde dadurch aufgeheitert. Jeder der jetzt in unser Wohnzimmer tritt und sie da auf dem Fussboden liegen sieht, stürzt sich mit Wehmut auf sie, kratzt sie hinter dem Ohr, küsst ihre Schnauze und plündert den Hundekeksevorrat.

Vorhin staubte ich meine Bücher ab. Ich pustete den Staub von ihrem steifen Rücken und ich streichelte sie sanft mit meinen Fingerspitzen. Ich nahm eines hervor und schlug meine Lieblingsseite auf:

Bild 3

So viele Menschen, die so viele Geschichten schreiben. Würde mein Haus brennen, welche würde ich retten? Würden die Geschichten noch lange schreien, wenn ich alleine bin? Oder würden sie sterben, so wie das Papier, das von den Flammen gefressen würde.
Das macht mir Angst und ich will nicht, dass es brennt.

Dreiundzwanzigtausendsiebenhundertfünfundsechzig Menschen sind letztes Jahr in die Schweiz geflüchtet. Und es stört mich. Es stört mich, weil wir unsere Blumen behandeln, als wären sie Personen. Personen aber behandeln wir, als wären sie Unkraut. Es stört mich, weil Menschen jeden Tag gegen Stacheldrähte rennen und wir auf sie schiessen, anstatt ihre Wunden zu verbinden. Es stört mich, weil wir uns überlegen, was wir aus einem Feuer retten würden, und dabei nicht an die Menschen denken, deren Leben in Flammen steht. Dreiundzwanzigtausendsiebenhundertfünfundsechzig Geschichten gäbe es zu erzählen, aber keiner will sie hören.

«Es tut mir alles so leid.»

Wenn ich eine Stimme hätte, dann würde ich das vielleicht sagen. Aber der eine Typ in dem einen Seminar stellt immer sein Hörgerät lauter, wenn ich rede, wozu also überhaupt reden? Und dann weine ich im Stillen, weil wir unsere Blumen und Haustiere und Lieblingsgegenstände menschlicher behandeln als Menschen. Wenn ich eine Stimme hätte, dann würde ich vielleicht schreien. Dann würde ich vielleicht singen «Meine Gedanken zerreissen die Schranken…» Dann fände ich vielleicht eine zweite Stimme, gemeinsam wäre unsere Stimme vielleicht schon ganz schön laut. Und vielleicht wären wir bald drei, vier, fünf Stimmen, und immer so weiter! Und dann würde die Welt vielleicht gut! Dann gäbe es vielleicht neben der Tierschutzorganisation auch eine Menschenschutzorganisation. Und vielleicht wäre dann nur noch mein Hund doof genug, in einen Stacheldraht zu rennen. Und vielleicht würde dann jeder nur noch seine Orchideen pflegen, weil alles so gut ist!

Aber ich habe ja nur eine kleine Stimme, und Blumen verdorren bei mir immer.

«Es tut mir alles so leid.»

Wenn ich eine Stimme hätte, dann würde ich das vielleicht wirklich sagen.

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