«Ach, du studierst Geschichte!»

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Für mich war schon am Gymnasium klar, dass ich Geschichte studieren würde. So oft ich auch geschwänzt habe, am Freitag Morgen sass ich immer auf meinem Platz (manchmal als eine von wenigen) und freute mich auf die Doppelstunde (meistens als einzige). Und ich finde auch nach drei Semestern immer noch, dass es nichts Geileres gibt, als Freitag Abende auf JStor zu verbringen und Texte zur Restaurierung von mittelalterlichen Tapisserien zu lesen (Ausnahme: wenn ich weiss, dass meine Freunde sich gerade den neuen Star Wars ansehen, weil mittelalterliche Tapisserien können da echt nicht mithalten).

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Was mich immer mehr kratzt, sind die Reaktionen der Leute auf meinen Studiengang. In den letzten anderthalb Jahren habe ich so viele Sprüche, Fragen und Kommentare ins Gesicht gespuckt bekommen, dass ich mir manchmal echt wie ein herumlaufender Tumblr-Account vorkomme. Ich habe meine Top-Bemerkungen einmal gesammelt…

«Aber Geschichte ist doch scheisse!»
Nicht so scheisse, wie mich zu fragen, was ich denn studiere, und dann mit sowas zu antworten. Ich finde jetzt BWL auch nicht das Gelbe vom Ei, und ich pöbel ja auch nicht rum.

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«Ist es nicht ätzend zu sehen, wie sich die Geschichte immer wiederholt?»
Tut sie doch gar nicht. Muster wiederholen sich, aber ich habe hier noch keinen Dino herumlaufen sehen (und glaubt mir, ich habe Ausschau gehalten!).

«Was passierte am 7. November 1456 genau?»
No idea! Ernsthaft, ich lerne nicht alle Ereignisse jedes Tages der vergangenen viertausend Jahre auswendig. Wen interessiert es schon, wann und wie Sokrates an einem Sonntagnachmittag kacken war? (etwas gelogen – mich würde das sehr interessieren!)

«Es ist gar nicht gesund, immer nur in der Vergangenheit zu leben!»
Ich glaube, der einzige, der das kann ist der Doctor, weil der hat eine Zeitmaschine. Ich bin jedenfalls noch nie am Bundeshaus in Bern vorbeispaziert und habe nach Napoleon Ausschau gehalten. Geschichte hat so viel zu tun mit unserem Leben heute und wir müssen doch verstehen, wie etwas geschehen konnte, um es in der Zukunft besser zu machen. Es geht darum, rückwärtsblickend vorwärts zu schauen.

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«Du stehst bestimmt total auf historische Romane!»
Es gibt bestimmt Historiker, die sowas mögen, aber ich ziehe da trockene Dissertationen vor. Es gibt zwar das eine oder andere gelungene Werk, wie zum Beispiel Der Cellist von Sarajevo von Steven Galloway oder Sternkinder von Clara Asscher-Pinkhof, aber oft weichen mir historische Romane zu sehr von der Realität ab. Wir sind eine dermassen gewaltgeile Gesellschaft, dass wir es lieben, wenn das Mittelalter möglichst blutig und gnadenlos dargestellt wird, dass wir den Umstand ignorieren, dass die Gegenwart in manchen Regionen vielbrutaler aussieht. Zeitreise-Romane finde ich hingegen ganz umwerfend – die Edelstein-Trilogie habe ich schon mehrmals gelesen!

«Dass du den Glauben an die Menschheit noch nicht aufgegeben hast!»
Es gibt Menschen, die mitten im Krieg noch an das Gute glauben – ich glaube, da kann ich bestimmt einen Grund zum Weiterleben finden! Menschlichkeit wird nirgends so deutlich wie unter den menschenverachtendsten Umständen, und die Geschichte ist voller Mensche, die sich für Schwächere und gegen die Ungerechtigkeit einsetzten. «Always look on the bright side of life», lautet das Motto, auch wenn das Thema noch so schwer ist.

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«Wie, du warst in Polen und hast dir Auschwitz nicht angesehen? Gerade du als angehende Historikerin!»
Gerade ich bin doch keine Gafferin. Ich habe mir Dachau angesehen und brauche jetzt nicht die Bestätigung, dass es das in mehrfacher Ausführung und in variierenden Grössen gibt. Es törnt mich nicht an, Orte zu sehen, an denen Menschen misshandelt und getötet wurden.

«Und immer diese Kriege!»
Und mit Krieg ist meistens einer der beiden Weltkriege gemeint. Es gibt eigentlich ganz viele Themen, die nicht so blutig aussehen, und die sind genauso spannend. Ernsthaft, Leute, lest einmal einen Tagebucheintrag von Adrien DeGerlache – ich lag die halbe Nacht  kichernd wach!

«Wirst du einmal Lehrerin?»
Nicht, wenn es sich vermeiden lässt! Mein Traumberuf ist immer noch Prinzessin, und wenn das nicht klappt werde ich eben Bestseller-Autorin.
Aber ganz im Ernst: Es gibt schon mehr als den einen Beruf, den man als Historiker ausüben kann!

«Aber die Sissi-Filme entsprechen doch gar nicht der Wahrheit!»
Na, und? ICH LIEBE SISSI UND FRANZ UND ES IST MIR EGAL, OB ER EIN BESITZERGREIFENDER PSYCHOPATH WAR, WEIL KARLHEINZ BÖHM IST UNWIDERSTEHLICH UND ICH HEULE JEDES MAL, AUSSERDEM: «YOU, MY SWEET ANGEL FACE, ARE BEING A FUCKING HATER!»

62d13c3c7967d939c395898982bb5b25Bis zum Bachelor kann ich wahrscheinlich ein Buch schreiben über Sprüche, die Leute fallen lassen. Ich kann aber allen Zweiflern versichern, dass ich riesigen Spass an der Uni habe, und ich glaube, damit spreche ich für die Mehrheit meiner Komilitoninnen. Kürzlich hörte ich jemanden in der Mensa sagen: «Habe mich grad für dieses krasse Seminar zu Plutarch angemeldet – geiler Scheiss! Das wird der Hammer!» Aber das ist Material für einen nächsten Post!

Ciao for now!
xxx

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