Die Nacht von Freitag auf Montag

Es gibt diese Tage, da weiss ich nicht sicher, ob es besser ist, ein Gedicht zu schreiben, ein Lied zu dichten oder beim altvertrauten Essay zu bleiben. Wie fasse ich am besten ein Wochenende zusammen, das so frei von jedem Rhythmus war?

Es fing an mit einer Tasse Tee im Haus von meinem Papa. Es fing natürlich schon viel früher an, aber für mich war es das flackernde Feuer im Kamin und die Couch und der Tee und die Diskussion über den neuen Star Wars Film. Dann rannte ich zur Bushaltestelle, weil ich immer eine gefühlte halbe Stunde brauche, um meine Schuhe zu binden. Ich rannte und ich dachte: Jetzt geht es los. Der Bus und ich, wir trafen gleichzeitig ein.

Die Wohnung von Tobias. Noch nicht ganz eingerichtet, Kisten stehen im Wohnzimmer herum, die Wände sind noch kahl. Aber lachende Gesichter sitzen um den Tisch und schmücken den Raum mit allen Farben von Herzlichkeit.

Der nächtliche Spaziergang. Tashina möchte den Bus nehmen, aber sie lässt sich überreden. Sie bleibt neben mir. Ich erzähle ihr von dem Buch, das ich soeben zu Ende gelesen habe, von dem ich glaube, dass es mein Leben verändert hat. Sie mag keine Bücher, aber sie hört zu. Trotzdem. Das Bier in meiner Hand ist warm geworden. Ich verbringe zu viel Zeit mir reden. Ich werfe es in den Korb auf meinem Gepäckträger.

«Wo gehörst du eigentlich dazu?» Ich lache nur. Ich weiss es nicht. Alle diese bekannten Gesichter, Freunde, andere, ich stehe dazwischen. Ich hake mich hier ein und dort, jemand tätschelt meine Schulter. Ich tanze erst mit Tobias, dann mit Tashina, plötzlich stehe ich in einem Kreis. Alle tanzen. Shalala-Lala in the evening!

Ich kenne das Mädel an der Bar. Sie drückt meine Hand herzlich. Sie hat keine Zeit, aber sie hätte sie gerne. Nur um zu fragen: «Wie geht es dir?» Ich bezahle mein Bier, ich stelle mich wieder in den Kreis mit den tanzenden Leuten. Gehöre ich hier dazu? Mehr als zum Mädchen an der Bar? Jemand fängt meinen Blick auf, lächelt. Ich lächle zurück.

Sonntagnachmittag, drei Uhr. Ich sitze im Schneidersitz auf Noemis Couch. Wir schauen Miss Sarajevo. Ich bin froh, ihn nicht alleine schauen zu müssen. Das Blut könnte auch Ketchup sein. Ich weiss, dass es echt ist. Noemi weiss es auch. Ich mag die Stille zwischen uns, als der Film vorbei ist. Ich mag das Geräusch von meinem Herzschlag.

Wir haben einen Lauch, einen Brokkoli, eine halbe Packung Vollkornnudeln, Crème Fraîche, eine Tafel Schokolade und Vollrahm. Valentina kocht die Nudeln, ich schneide das Gemüse, Noemi schmilzt die Schokolade im Wasserbad. Tobi ist beim Nachbarn. Er sucht einen Mixer. Wir werfen alles zusammen. Das ist, was wir haben, und das wird reichen.
Es reicht knapp. Aber es hat noch Strudel im Ofen.

«Ligretto Stopp!» Schon wieder. Schon wieder nicht ich. Ich bewege mich im Minusbereich auf und ab. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, schlafen zu gehen. Ich beneide Valentina, die auf dem Sofa in eine Decke gewickelt da liegt und döst. Jemand lacht und ich lache mit, obwohl ich den Witz nicht gehört habe. Es ist zwei Uhr. «Nur noch zwei Stunden bis zum Streich!»

In der ganzen Stadt gehen die Lichter aus. Ganz Basel, so scheint es, ist versammelt. Ein Trommenwirbel, Piccolo-Flöten. Ein Umzug durch die Innenstadt. Wir trotten einer kleinen Clique hinterher, bis wir nicht mehr weiter kommen. Plötzlich wiegt sie schwer, die schlaflose Nacht. Meine Zehen sind kalt. Jemand wispert einen Witz in mein Ohr. Ich höre ihn nicht, es ist zu laut. Ich lache trotzdem.

Claire trinkt zum ersten Mal Wein um sechs Uhr in der Früh. Es ist Glühwein, der ist warm. Ich presse meine Hände fest gegen meine eigene heisse Tasse. Noemi und Tobi löffeln eine Mehlsuppe. In unserer Mitte brennt eine kleine Kerze. Wir sind so froh um die Wärme, hier aneinander gekauert in einem finsteren Café. Knie an Knie, Schulter an Schulter. Ich höre sie nachhallen, die Frage: «Wo gehörst du eigentlich dazu?» Hier finde ich‘s eigentlich ganz okay.

Der Zug steht schon bereit. Wir finden ein freies Abteil und lassen uns fallen. Noemi schliesst sofort die Augen. Ich leiste nicht lange Widerstand.
In Bern ist es hell. Die Fastnacht ist vorbei. Es ist eine andere Welt. «Vielleicht sehen wir Selma!» Aber sie arbeitet nicht. Oder noch nicht.

Wir kämpfen uns durch alle die Menschen, deren Tag soeben begonnen hat. Ich umarme Noemi zum Abschied. Sie ist meine Tanzpartnerin in diesem Takt, der entgegen des Rhythmus schlägt. Ich weiss genau, wo ich war in der «Nacht von Freitag auf Montag.» Es sind die Tage, an die ich mich nur wenig erinnere. Aber manchmal ist die Sonne schöner, wenn wir sie in der Reflektion der Sterne sehen.

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