Zwischen vorhin und danach

AnnenMayKantereit, am 16.04.2016 im Volkshaus Basel. Eindrücke.

Genau um 19:50 Uhr fängt es zu regnen an. Ich renne die letzten Meter zum Volkshaus, die Jacke tief über mein Gesicht gezogen. Ich bin viel zu müde für laute Musik und Menschen. Meine Knie schmerzen vom vielen Stehen den ganzen Tag und ich muss mich anstrengen, um meine Augen offen und die Mundwinkel oben zu halten.

Eigentlich kenne ich die Band gar nicht. AnnenMayKantereit. Bis heute Morgen kannte ich nur das eine Lied, dann habe ich mir natürlich den Rest über Spotify auch noch angehört, aber bis auf die eine oder andere Zeile habe ich schon alles wieder vergessen. Ich weiss ja noch nicht einmal, wie der Sänger heisst. Die Mädchen vor mir dagegen bestimmt. Sie können nicht älter als sechzehn sein, und als die Band die Bühne betritt, werfen sie ihre Haare in den Nacken und stellen sich auf die Zehnspitzen, ihre Rufe gehen im Geschrei der Masse unter. Ich frage mich, wie lange sie wohl spielen werden. Fünfzehn Lieder lang? Zwanzig?

Nach zehn Minuten merke ich, dass ich vergessen habe, zu zählen. Es macht nichts, ich bin gar nicht mehr müde. Vor mir schweben Feuerzeuge. Ich drehe mich um und sehe sie überall im Raum zerstreut. Valentina hält ihre Polaroid-Kamera hoch. Ich verstehe, was er sagen will, der Sänger, dessen Namen ich nicht weiss. «Alles, was ich brauche, ist ein bisschen Nichts. Ein bisschen weg von jetzt. Irgendwo zwischen vorhin und danach.» Ich verstehe ihn, weil wir uns genau da befinden; «zwischen vorhin und danach.» Selbst die beiden Mädchen vor mir sind ruhig geworden. Ihre Handys haben sie in den Taschen ihrer Jeans verstaut.

Es ist heiss zwischen all den Menschen, eingepfercht in diesem Raum. Aber ich schaudere trotzdem. Vor Rührung vielleicht. Oder vor Ergriffenheit. Vor diesem seltenen Etwas, das bei mir Gänsehaut verursacht. Vielleicht ist es die Ehrlichkeit seiner Worte. Eine Intimität, auf die er uns einen Blick gestattet. Ich denke, dass ich gerne darüber schreiben möchte. Über diesen Jungen mit der rauen Stimme, der seine Seele vor uns niederlegt, klein und wehrlos und ungeschützt. Und ich wünschte, wir wären alle so wie er, so voller Mut und mit einem kleinen bisschen Vertrauen. Ich wünschte, wir würden alle mehr von den Momenten erzählen, in denen wir «gemeinsam einsam liegen», in denen wir «barfuss am Klavier» sitzen und Liebeslieder schreiben. Ich spüre, dass die kleinen Momente in Wirklichkeit ganz gross sind.

Der Sänger bedankt sich beim Publikum und bei den Technikern und bei den Leuten, die das Abendessen gekocht haben. Dann stehen die vier Seite an Seite am Bühnenrand und verbeugen sich, so als wären sie keine Rockband, sondern nur vier Kleinkünstler, die über die kleinen Momente sprechen. Und wir stehen im Kreis und lassen die Leute an uns vorbeiziehen. Wir sind alle ein bisschen sprachlos, aber wir reden trotzdem. Und wir halten uns aneinander fest, obwohl wir gar keinen Halt brauchen. Jemand macht einen Witz und wir lachen und ziehen unsere Jacken an. Aus dem Polaroid-Bild ist nichts geworden, man sieht nur Köpfe und etwas Rauch. Draussen regnet es immer noch, aber das macht uns nichts aus, «Es geht mir gut», denke ich und sehe, dass die anderen das gleiche denken wie ich, und das ist das schönste Gefühl: mit anderen Menschen in der gleichen Seifenblase zu schweben. Irgendwo zwischen vorhin und danach.

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