High Street Shopping

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London, Oxford Circus. Vierzehn Uhr, ein Montag. Eine Welle von Menschen trägt mich aus der U-Bahn und schwemmt mich zu den Ticketkontrollen vor dem Ausgang. Ich muss nach meiner Oystercard suchen und verursache prompt einen kleinen Stau; die Menschen hinter mir schimpfen auf deutsch, auf spanisch, auf italienisch – sie alle sind extra angereist, um einkaufen zu gehen, hier in der berühmten Oxford Street. Ich bin angereist, weil ich einen Tapetenwechsel brauchte; fünf Tage mal nicht Eis servieren oder mir im Kunstmuseum die Beine in den Bauch stehen, fünf Tage mal nicht am Schreibtisch verbringen müssen, fünf Tage nur für mich.

Ich finde meine Oystercard und lasse mich weitertreiben, an den Schranken vorbei, die Treppen hoch, an die frische Luft. Die Menschen drängen sich in alle Richtungen an mir vorbei. Ich presse meine Handtasche fest an mich und konzentriere mich auf meine Mission. Nur kurz das Geburtstagsgeschenk für Samantha abholen, dann schnell zum Disney Store eine Rapunzelpuppe für Anastasia besorgen und dann schleunigst nach Hampstead und dort im Waterstones Café auf Lucy warten. Der Gedanke, dass ich in gut einer Stunde in einen warmen Scone beissen werde, beruhigt mich. Ich schaue links, ich schaue rechts. Ich sehe Menschen, Menschen, Menschen, Busse, Autos, Baustellen, Souvenirstände reihen sich aneinander – der da vorne verkauft Tickets für Lion King, der neben mir krönt sich mit günstigen Sitzen in Matilda … Meine Blase drückt. Ich schaue links, ich schaue rechts. Schliesslich entscheide ich mich für die Richtung, in welcher ich eine McDonalds-Filiale erspähe. Ich habe den Eindruck, auf der falschen Strassenseite zu sein; wie ein Geisterfahrer bewege ich mich gegen den Strom. Ein Ellbogen landet hart an meiner Schulter. «Excuse you!», ruft die Dame, der er scheinbar gehört, mir noch hinterher. McDonalds ist gerappelt voll. Meine Idee, mir noch kurz ein paar Pommes zu holen, wo ich doch schon hier bin, verwerfe ich gleich wieder. Ich krieg ja bald meinen Scone. Ich stelle mich hinter die anderen fünfzehn Frauen, die vor dem Badezimmer warten. Die alle, wie ich, nichts gegessen haben, einfach mal für kleine Shopping-Queens müssen.

Als ich endlich wieder auf der Strasse stehe, ist eine halbe Stunde vergangen. Ich weiss gar nicht mehr, woher ich überhaupt gekommen bin. Ich schaue links, ich schaue rechts. Dann werfe ich mich in die Hände des Schicksals und laufe einfach los. Vor mir erstreckt sich ein Fluss von Taschen, in jedem Geschäft gibt es eine neue, jeder Einkauf ist eine kleine Kriegsbeute und verdient seine eigene Plastiktüte.

Neben mir tut sich plötzlich eine riesige Primark-Filiale auf. Ich möchte sie aus Prinzip nicht betreten, aber ich brauche nur etwas kleines, und ich weiss schon genau, was es ist; ich bin nicht gewappnet für den Krieg, der im Innern des Ladens stattfindet. Kleidungstücke liegen wild auf dem Fussboden zerstreut, Frauen streiten sich um das letzte Paar Schuhe (es gibt sie noch in rosa, aber offensichtlich betonen nur die grünen die Augenfarben der Damen). Die richtige Grösse zu finden dauert alleine zwanzig Minuten, und da hätte ich schon fast aufgegeben. Ich schicke ein leises Stossgebet zum Himmel, als ich mit der ersten Hälfte meiner Beute an der Kasse stehe. Die Verkäuferin sieht mich nicht an, als ich ihr die zwei Teile auf die Theke lege. Mit gelangweilter Stimme liest sie die Preissumme vom Display ihres Computers ab und stopft die Sachen lieblos in eine Papiertüte. Ich setze an, sie darauf hinzuweisen, dass ich die Einkäufe durchaus in meiner Tote Bag mitnehmen kann, aber der Blick, den sie mir schenkt ist von Gift erfüllt, und ich halte die Luft an.

Bevor ich mich wieder nach draussen wage, verbinde ich mit dem gratis WiFi des Ladens. Der Disney Store ist am anderen Ende der Oxford Street. Vielleicht sollte ich mir doch ein Paar von diesen albernen Feenflügel kaufen, wo ich schon hier bin.

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Ich trage eindeutig die falschen Schuhe für meine Mission. Rosa Ballerinas, die mittlerweile ganz grau sind, weil so viele fremde Füsse sie im Vorbeirauschen schon getreten haben. Wanderschuhe wären angemessener gewesen, denke ich. Oder Therapieschuhe. Vor mir gehen drei Frauen in zehn-Zentimeter-Absätzen. Ihre Knöchel zittern mit jedem Schritt gefährlich und sie müssen ihr Gleichgewicht mit ihren Taschen von Body Shop, Primark und H&M ausgleichen. Ich drängle mich an ihnen vorbei. Nicht ohne ein gewisses Grad an Belustigung entdecke ich ihre schmerzverzerrten, gepuderten Gesichter, das angestrengte Lächeln, das ausdrücken soll, dieser Ausflug hier wäre The time of my life, während sie in Wirklichkeit doch lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen würden. Ich ignoriere meine schmerzenden Knöchel. Irgendwo habe ich wohl einen Fehltritt gemacht und nun zucke ich mit jedem Schritt zusammen. Aber wenigstens muss ich nicht um mein Gleichgewicht fürchten.

Der Disney Store ist immer das Highlight eines Besuchs in London für mich. Die Musik, die Kostüme, die Puppen – alles ist wie für mich gemacht. Aber heute läuft die Titelmusik von einer Disney Channel Serie, die ich nicht kenne. Zu poppig, zu laut. Ich gehe nach unten und lasse mich in Cinderellas goldene Kutsche fallen. Ein paar Väter bleiben irritiert stehen. Sie wollten eigentlich ihre kleinen Töchter darin fotografieren. Ich überschlage meine Beine und warte, bis ich meinen Herzschlag wieder spüren kann, bis Let It Go aus den Lautsprecheranlagen ertönt, bis ich mich wieder auf meinen Scone aus der immer näher rückenden Zukunft konzentrieren kann.

Ich frage eine Verkäuferin nach Rapunzel. Sie verschwindet zehn Minuten im Lager und kehrt mit einem Arm voll Plüschpuppen zurück. Keine davon Rapunzel. Die ist ausgegangen. Aber hier sind Jasmin, Arielle, Pocahontas und Mulan. Anastasia, drei Jahre alt, wird die alle nicht erkennen. Die Verkäuferin verschwindet wieder, dann kommt sie mit sechs verschiedenen Kleidchen wieder. Ob ich einen Korb brauche? Ich lächle gequält, winke ab. Als die Verkäuferin mir den Rücken zudreht, schnappe ich mir Tinker Bell. Die kennen wir schliesslich gut. Das Mädchen an der Kasse sieht aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, als ich nur diese eine Puppe bezahlen möchte. «It must be very exhausting, working here», beobachte ich mitfühlend. Sie sieht mich aus dankbaren Augen an. «I’m not going to lie», seufzt sie. «It’s no fun at all.»

Es sind zweieinhalb Stunden vergangen, als ich endlich wieder an einem U-Bahnhof stehe. In einer halben Stunde treffe ich Lucy, den Scone kann ich knicken. Ich betrachte noch einmal die Geschenke, die ich gekauft habe. In ein paar Wochen werde ich sagen: «Das habe ich in London für dich gekauft.» Und jemand wird mir antworten: «Ach, wie cool! In London kann man einfach saugut shoppen!»

Dabei sollte ich sagen: «Ich war auf einem Feldzug mit Napoleon. Dies sind meine Errungenschaften!»

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