#Prayfor – Wofür denn eigentlich?!

#PrayforParis lautete der prominente Hashtag vor einem halben Jahr. Dann #PrayforBrussels, letzte Woche war es #PrayforNice, am nächsten Morgen #PrayforIstanbul. Heute Abend wird das Internet von #PrayforMunich-Hashtags überschwemmt. Es ist wie eine schlechte Seifenoper, das gleiche Konzept mit verschiedenen Locations, das Internet findet’s irgendwie cool. Dabei frage ich mich, wer denn tatsächlich betet für alles, was im Augenblick geschieht. Ich tue es nicht. Heute Morgen betete ich kurz für meine Hündin, als ich sie im Gesicht bluten sah. Ein entzündeter Kratzer, nichts Schlimmes, wie mir der Tierarzt versicherte. #PrayforFili wird also nicht online gehen. Aber wenn ich für alle diese Menschen beten möchte, wo fange ich denn bloss an? Ich möchte für alle die Toten beten, auf dass sie Frieden finden und Ruhe. Ich denke an John Green, der sagt: «Thomas Edison’s last words were „It’s very beautiful over there„. I don’t know where there is, but I believe it’s somewhere, and I hope it’s beautiful.» Aber es gibt ja so viele, die noch nicht «over there» sind, die mit Schusswunden im Bauch und geprellten Schultern in Krankenbett liegen. Ich wünsche ihnen, dass sie rasch wieder gesund werden. Das sind die einfachen Gebete. Sie sind konkret, praktisch. Besonders aber möchte ich für die Menschen beten, die mit einem leeren Kinderwagen nach Hause gehen mussten, die heute Nacht in einem zu grossen Doppelbett übernachten müssen, denen morgen niemand ein Pausenbrot streichen wird; aber alle meine Gebete für sie bleiben leer. Ich kann ihren Schmerz nicht ahnen, jeder Versuch, mich ihm zu nähern erscheint höhnisch, geheuchelt und gezwungen. Sobald ich ihn ahnen kann, den Schmerz, ist er auch mein Schmerz und ich distanziere mich. Ich bete nicht. Ich bete nicht, dass diese Menschen Kraft haben oder Frieden oder Glück; woher sollen die das haben?

Und so liege ich die halbe Nacht wach, während im Hintergrund One Direction in der Endlosschleife läuft und ich mich zum Gebet geissle. Nicht so sehr, weil ich an Gott glaube, sondern weil ich hoffe, dass Gott an uns glaubt. Manchmal glaube ich selber kaum noch an uns, da ist der Liebe Gott doch unsere letzte Hoffnung.

Nein. Ich weiss, wofür ich beten will. Ich will für die Männer und Frauen beten, die  mir den Schlaf rauben. Die mit Schusswaffen in der Hand Einkaufszentren stürmen und Hashtags verursachen. Ihren Schmerz kenne ich. Das Alleinsein. Das Missverstandensein. Das Anderssein. Die Eifersucht. Der Frust. Die Angst. Die Wut. Ich möchte dafür beten, dass jemand sie liebt. Ich möchte dafür beten, dass etwas ihnen Halt gibt. Ein Gedicht, eine Erinnerung, ein Freund – nur nicht die Gewalt. Ich möchte dafür beten, dass sie verzeihen können. Ich möchte dafür beten, dass sie aus tiefem Herzen lachen, dass sie weinen, dass sie stundenlang den Wolken zusehen, Harry Potter lesen und Salsa tanzen. Und plötzlich ist das kein Gebet mehr für Terroristen, sondern für die Verkäuferin im Supermarkt und den Bademeister im Marzili. Ein Gebet für meine Freunde, und ein Gebet für mich. Es braucht keinen Hashtag, keinen solidarischen Farbfilter auf meinem Facebook-Profilbild. Es braucht nur dies: eine Prise Nächstenliebe. Vielleicht bringe ich die grimmige alte Tante von gegenüber heute zum Lächeln. Vielleicht ist das das Schönste, was heute in ihrem Leben passiert. Beim Abendessen lief im Radio ein Lied von Hannes Wader:

«Ob in der Zukunft die Welt
eine Wüste in ewiger Nacht,
die niemals mehr Leben gebiert,
oder ein blühender Garten sein wird,
steht auch in unserer Macht.»

Ich möchte es glauben. Ich möchte glauben, dass Freundlichkeit die Welt besser macht. Ich möchte glauben, dass ein junger Mann dem IS heute nicht beigetreten ist, weil ich ihm ein extra grosses Eis verkauft habe (obwohl er doch nur für ein kleines bezahlt hat).

Ich möchte für den blühenden Garten beten.

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