Die Eisdealerin

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Manchmal kommt er mir vor wie eine Notaufnahme, der kleine Laden an der Marzilistrasse. Selbst bei starkem Regen stehen die Leute da dicht an dicht, gehen murmelnd alle Eissorten durch – welche passt am besten? Mare di Nutella gegen Herzschmerz, Sorbetto di Cioccolato gegen den Stress des Alltags, Himbeer-Ingwer für die Lebenslust und Fior di Latte zur Besänftigung des Gemüts. Für alle, die es nach Labung für Leib und Seele verlangt, steht schon eine Medizin bereit, und sie klammern sich an ihre Waffeln und Becher, dicht aneinander gedrängt auf dem kleinen Stückchen Fenstersims.

Manchmal fühle ich mich wie eine Drogendealerin. Wenn ich die heimlichen Allergiker, ADHSler und Diabetiker mit Waffeln voller Caramel- und Vanille-Eis versorge, dann fühlt sich das fast ein bisschen illegal an. Aber dann kommen wieder vierzehnjährige Mädchen in ihren viel zu knappen Bikinis und dem verschmierten Lippenstift und bestellen «drei Kugeln Nutella in der Waffel», und da bin ich so stolz auf sie. Dass sie trotz des ganzen elenden Dazugehörens noch nicht angefangen haben, Kalorien zu zählen. Dass sie das Leben so ungeniert geniessen.

Manchmal, da bin ich wie das quietschende Zahnrad in einer grossen Maschine. Ein kleines bisschen notwendig, ein kleines bisschen austauschbar. Ich spüre die Bewegung überall, das Einstechen mit dem Spachtel, das leichte Abdrehen und das Abstreichen auf der Waffel. Ich höre die immer gleichen Sätze auch im Traum, wie der Refrain eines nie enden wollenden Ohrwurms: «Im Becher oder in der Waffel?» – «Normale Schokolade oder Schokoladensorbet?» – «Gross oder klein?» – «Drei fünfzig, bitte!» Und dazwischen immer wieder: einstechen, drehen, abstreichen. Zwischendurch die Klage: «Warum ist mein Eis so klein?!» Und dann habe ich Mitleid mit diesen Erwachsenen, die den Tränen nahe in einer Eisdiele stehen. Ich habe nicht gewusst, dass man Eisdielen unglücklich verlassen kann.

Manchmal ist die kleine Gelateria ein Treffpunkt: Ort des Wiedersehens und der Begegnung und der Herzlichkeit. Da fallen sich gestandene Businessmänner unter Jubelschreien in die Arme, da tauschen sich Mütter über den Ballettunterricht ihrer Töchter aus, da gibt es schüchterne erste Dates. Viele Gesichter erkenne ich wieder. Den Vater mit seinen Töchtern, die immer drei Kugeln von den Früchtesorbets nehmen. Die Asiatin, die kein Deutsch kann und deren fünfjährige Tochter gewandt in perfektem Schweizerdeutsch für sich und ihre Mama bestellt. Die alte Frau, die immer auf einen Schwatz bleibt, egal, wie lange die Schlange hinter ihr auch ist.

Meistens fällt es mir ganz leicht zu lächeln, wenn ich hinter der Vitrine stehe. Da benehmen sich Erwachsene plötzlich wie Kinder, drücken ihre Handflächen gegen das Vitrinenglas, genieren sich, die italienischen Namen der Gelati zu auszusprechen und bestellen darum lieber «Das da!», entscheiden sich dreimal um, bevor sie sich in ihrer Wahl sicher sind, werden ungeduldig, wenn sie lange anstehen müssen … ich liebe sie, diese unbeholfenen Erwachsenen, die ja doch nur winzige Riesen sind.

Manchmal steht ein Regenbogen über dem kleinen Raum an der Marzilistrasse. Da ist ein bisschen Sommer stecken geblieben, da ist ein Stückchen Welt, das noch in Ordnung ist.

Beitragsbild: http://www.gelateriadiberna.ch

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