Der Marienkäfer

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Wahrscheinlich war er auf der Suche nach einem Winterquartier. Sarah meinte das zumindest. Was sonst hatte ein kleiner, getupfter Marienkäfer an einem Freitagvormittag auch in einem überfüllten Seminarraum an der Uni zu suchen? Er krabbelte ganz zielbewusst über den Tisch, und Margret und ich, wir freuten uns schon über den kleinen Glücksträger, der uns da so unverhofft begegnete. Plötzlich hielt er inne, sein Flügel zuckte einmal, zweimal, dann schien es, als würde er resigniert aufseufzen, und er nahm seine Wanderung wieder auf. Als er erneut anhielt, da sahen wir, was nicht stimmte: Eine feine Beule prägte seinen linken Flügel.
Er konnte nicht mehr fliegen.

Wir konzentrierten uns wieder auf den Unterricht und als wir uns nach unserem lädierten Freund umsahen, war er verschwunden. Erst, als ich zu Hause meine Tasche ausräumte, fiel er plötzlich von meinem Federmäppchen auf den Küchentisch, wo er seine Wanderung sofort wieder aufnahm. Er war unbeirrbar in seiner Mission. Von Zeit zu Zeit streckte er seinen Flügel, als hoffte er, ihn wieder brauchen zu können. No such luck, würde der Engländer sagen. Ich glaube, eine halbe Stunde lang sah ich ihm nur zu. Ich liess ihn über meine Hände krabbeln, sorgfältig darauf bedacht, dass er nicht auf den Boden fiel. Nach unten wollte er nicht. Wenn er die Wahl hatte, dann krabbelte er nach oben. Hoch, hoch, immer weiter hoch. Zwischendurch legte er eine kleine Pause ein. Dann wieder weiter.

Vielleicht dachte ich, es brächte Unglück, einen Marienkäfer seinem Schicksal zu überlassen. Ich weiss auch gar nicht, ob ein verletzter Marienkäfer überhaupt noch Glück bringt. Aber ich hatte den Eindruck, als hätte er mich auserwählt, und das fühlte sich irgendwie ehrenhaft an. Ausserdem: Je länger ich ihm zusah, desto mehr erinnerte er mich an mich selbst. Wenn ich nur daran denke, wie viele Nächte ich zweifelnd wach liege, wie oft ich von mir denke, nicht gut genug zu sein. Zu klein, zu langweilig, zu jung, zu albern. Ist nicht jeder Selbstzweifel eine Beule in meinem Flügel? Und die ganze Zeit versuche ich doch, sie auszuplätten, mich fallen zu lassen, zu vertrauen. Aber der Käfer, der versuchte nicht, seinen Flügel zu reparieren. Er konnte nicht mehr fliegen, also ging er zu Fuss. Der Verlust seines Flügels bedeutete nicht den Verlust seiner Mission.

Ich glaube gerne, dass ich auch eine Mission habe. Und vielleicht ist es nicht wichtig, als Erste dort hinzukommen, sondern unterwegs zu sein. Und wie ich mich nun umsehe, dann sehe ich nur Menschen mit verbeulten Flügeln, und jene, die ich am meisten bewundere und beneide, fliegen nicht höher und eleganter als ich, sondern lassen sich von alledem einfach nicht beirren.

Der Marienkäfer übernachtete in dem leeren Biomüll-Behälter in der Küche. Wahrscheinlich war er ganz zufrieden da und ich beschloss, dass er fortan nicht mehr meine Verantwortung war. Sarah schrieb noch, ich solle ihn doch seinem Schicksal überlassen: «Entweder er findet ein Quartier oder er wird Teil der Nahrungskette.»

Ich denke, er hat sein Quartier gefunden. Ordner und Bücher und Holpersteine auf dem Weg konnten ihn nicht zerquetschen. Ich glaube, er überlebte, weil er leben wollte. Und wir, Ich und Er und Sie und Du, wir wollen es doch auch. Wir wollen irgendwohin, vielleicht nicht weit, und wir wollen etwas sein, vielleicht nicht viel – aber es reicht, um weiterzugehen. Wir lachen und wir zerbrechen, und wir fallen und wir stehen wieder auf. Wir haben die Verantwortung, einander zu tragen, und wir haben die Verantwortung, einander im rechten Augenblick dem Schicksal zu überlassen. Denn dafür sind wir selber verantwortlich.

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