Mein Weihnachten

Keine Kommentare

Weihnachten fängt schon im Oktober an. Dann erscheinen die ersten Auflagen von neuen Weihnachtsromanen, Schokoweihnachtsmänner stehen in den Supermarktregalen und mein Arbeitsplan für den Pakettisch landet im Posteingang meines Email-Kontos.

Das ist mein Weihnachten.

Die Vorfreude, die viel zu früh, viel zu kommerziell, viel zu kitschig wie ein Monsun über jede Stadt fällt. Es ist die Zeit im Jahr, in der ich mich öffentlich dazu bekennen kann: Ich mag Kitsch. Und wer mich dafür verurteilt, ist für einmal nicht normal bei Sinnen, sondern ein Weihnachtsmuffel. An Weihnachten darf ich ich sein, Glitzer, Klausenmütze und Weihnachtspullover.

Mein Weihnachten sind meine steifen Finger nach neun Stunden Geschenkeeinpacken. Es sind diese Menschen, die Schlange stehen für ein bisschen Papier und eine Schleife. Im Grunde stehen sie Schlange für die zwei Minuten Smalltalk. Es reicht ein kleines Stichwort: «Da haben Ihre Angehörigen aber Glück…» Ein Geschenk ist für ein Kind, das an Weihnachten im Krankenhaus sein muss, eine Dame kauft Geschenke für Flüchtlinge, die sie kennt; ein Vater erzählt mir von seinen Töchtern, Luna und Etoile, die nicht mehr wirklich Kinder sind (er braucht das goldene Papier wegen der Namen). Mein Weihnachten ist, wenn jemand haucht: «Wie schön das aussieht!» Ich möchte, dass es schön aussieht, ich möchte, dass sich die Leute ein bisschen mehr auf Weihnachten freuen, weil wir zwei Minuten geredet und gelacht haben und das Geschenkband perfekt zum Papier passt. Mein Weihnachten ist der Pausenraum in der Buchhandlung, das aufgewärmte Mittagessen, die Gelegenheit, mein Buch zu lesen (wann habe ich denn sonst die Gelegenheit, zu lesen?).

Mein Weihnachten ist in der Küche, wenn ich Kekse backe, englischen Trifle mache und Cupcakes zubereite; Aschenbrödel läuft daneben, ein Glas Wein steht noch angefangen auf der Ablage (ich trinke langsamer als die anderen, die schon lange schlafen gegangen sind). Mein Weihnachten ist der erste Tee am frühen Morgen, das Rauschen des Wasserkochers, wenn ich im Pyjama und den flauschigen Hausschuhen davor stehe; es ist diese halbe Stunde auf der Couch mit den Gilmore Girls oder mit Jen Campbell, bevor der Tag anfängt.

Mein Weihnachten sind die roten Becher bei Starbucks, ihr Chai Latte, die Wärme gegen meine kalten Finger. Mein Weihnachten ist die Heilsarmee, die trotz bitterer Kälte draussen verharrt und schiefe Weihnachtslieder singt. Mein Weihnachten sind die Lichter in der Stadt, der Weihnachtsmarkt, der Glühwein.

Mein Weihnachten sind die alten Lieder, der «Little Drummer Boy», der den kleinen Jesus mit seiner Trommel zum Lächeln brachte und nicht mit Myrrhe und Gold. Mein Weihnachten ist die Familie Hoppenstedt, sind die Weihnachtswerbungen, die uns alle zum Heulen bringen (jedes Jahr), sind meine Weihnachtssocken, die sich niemals so weich anfühlen wie an diesem Tag.

Mein Weihnachten ist das Doctor Who Weihnachtsspecial, wo er sich so unsterblich in Rose verliebt und ihr verspricht, ihr die Sterne zu zeigen.

Mein Weihnachten war die Autofahrt zurück nach Hause, das Gefühl von Versöhnung und Liebe. Mein Weihnachten war meine Brieffreundin, deren Karte mich zu Tränen gerührt hat. Mein Weihnachten war die WG kurz vor dem Kollaps auf meinem Sofa, das Gute Nacht, das Gähnen aus drei Kehlen simultan, das Gemeinsam-zu-Hause-sein.

Mein Weihnachten war das Familienessen, der Tee, die Kekse. Meine Nichte auf der Couch neben mir, wie wir den Weihnachtsbaum bestaunten, Figuren, Kugeln und Sterne entdeckten. Für immer, wie es schien. Mein Weihnachten war der Film, wir alle müde und zusammen unter den Wolldecken.

Mein Weihnachten waren die Stunden danach, ich alleine mit Terry Pratchett (letztes Jahr war es Giovanna Fletcher). Wenn ich den Weihnachtsbaum für mich habe, wenn es ruhig ist, wenn ich in der Endlosschleife «I really ho-ho-hope it’s Santa Claus» hören kann.

Mein Weihnachten ist nicht Weltfrieden und noch nicht einmal verherrlichte Idylle. Aber mein Weihnachten kommt jedes Jahr wieder, und an manchen Tagen ist dies allein Grund genug, an das Gute zu glauben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s