Was ich noch zu sagen hätte

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Es ist natürlich kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, dass, was wir zu sagen hätten, wir nur ungern gerade heraus tun. Was wir wirklich zu sagen hätten, bleibt meistens ein trauriger Konjunktiv.

Und so weiss niemand, dass ich bei The Raven King weinen musste, als Ronan Adam küsste, und so weiss niemand, dass ich manchmal spät abends auf Google Maps meinen Schulweg in Auckland rekonstruiere, und so weiss niemand, dass ich vor dem nächtlichen Fenster stehe und nach dem Geräusch der Tardis lausche; und so weiss niemand, wer ich bin. Nicht wirklich. Nicht durch die Mauern hindurch, die ich so sorgfältig um mein Dasein errichtet habe. Dabei warte ich darauf, dass jemand sie durchdringt; will gekannt sein und gebe mich doch nicht zu erkennen.

Was ich sage, ist nicht, was ich zu sagen hätte. Ich sage, dass ich dieses und jenes Buch liebe, und denke, dass jemand, wenn er es denn lesen würde, mich sehen könnte. Ich sage, dass rosa meine Lieblingsfarbe ist, ich sage nicht, dass Erwachsensein mir manchmal Angst macht. Ich sage, dass ich Fernweh habe, wenn ich einen Grund suche zu bleiben. Und hinter der Mauer ist es schwer, die Welt zu sehen, wie sie ist, und die Wahrheit ist vielleicht auch nur ein Konzept, das wir uns schaffen, aber ich erzähle keine Lügen, die ich nicht auch selber glaube.

Und ich glaube, dass in Wahrheit alle Menschen Mauern bauen. Und ich glaube, dass in Wahrheit auch sie nicht sagen, was sie zu sagen hätten. Und ich glaube, dass das immer so war und dass vielleicht das ganze Problem der Menschheit nur ist, dass alle reden und niemand etwas sagen will.

Wir nennen sie Lästermäuler und Tratschtanten, jene, die wir so hochmütig an den Pranger stellen, weil ihnen der Mut fehlt, zu sagen, was sie zu sagen haben, und es deshalb leise tun und von hinten. Wir reden über andere, als wären ihre Mauern die unseren, weil wir dann nicht ehrlich sein müssen.  Und wir verwechseln Angst mit Bosheit und Unsicherheit mit Arroganz.

Vielleicht sind es gar nicht die Lügen, die die Welt in den Abgrund treiben, sondern die Unwahrheiten, an denen wir uns festklammern. Und ich wünschte, ich wünschte, ihr würdet nach Türen suchen, anstatt mein Fundament zu sprengen. Ich wünschte, ihr würdet mich in meiner Verletzlichkeit sehen und die Waffen senken. Es sind die Unwahrheiten, die zerstörerisch sind in ihrer Wut. Nicht ganz wahr und nicht ganz falsch, geschmiedet in den Tiefen des Selbstzweifels. Es sind die Unwahrheiten, auf die ein kompliziertes und wundervolles Dasein reduziert wird.

Wir müssen sagen, was wir zu sagen haben. Wir müssen das Herz auf der Zunge tragen, wir müssen lachen, auch wenn die Umstände es verbieten, wir müssen weinen, wenn das Gewicht der Welt zu schwer wird, wir müssen Brunnen graben und Bäume pflanzen und streiten und Händchen halten.

Was ich noch zu sagen hätte: Ich bin kompliziert, denn die Welt ist kompliziert, und ich bin mehr und ich bin weniger, nicht ganz so gut, wie man vielleicht meint, und auch nicht ganz so schlecht.

Und ich mag den Indikativ.
Lieber als den Konjunktiv.

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