Harry Potter und wir verwunschenen Kinder

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Die Menschen in der Schlange vor dem Palace Theatre in London waren alle zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt. Wenn ich mir Gesichter besser merken könnte, hätte ich vielleicht sogar jemanden von dem Mitternachtsverkauf von 2008 wiedererkannt. Ich wusste, ohne fragen zu müssen, dass diese Menschen hier vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren auf einen Brief gewartet haben. Ein Brief, der von einer Eule überbracht wird und dessen Anschrift gespenstisch exakt ist: Ms Noemi Harnickell, das große Schlafzimmer im ersten Stock, Pfarrhaus, Leißigen. Und ich weiss, dass ich nicht die einzige bin, in deren Kopf immer wieder die gleichen Worte auftauchen:Bildschirmfoto 2017-04-28 um 00.41.42Es fühlte sich ein bisschen an wie Hogwarts, das alte, palastartige Gebäude mit den Türstehern in ihren Hogwarts-Schuluniformen und der aufgeregten Menge junger Erwachsener, denen kindliches Entzücken ins Gesicht geschrieben stand.

Harry Potter and the Cursed Child ist ein Nach-Hause-Kommen. Eine Zuflucht, immer noch, nach all den Jahren. Plötzlich bist du wieder elf und alles, alles ist möglich.

Das Theaterstück ist natürlich keine richtige Fortsetzung. Es ist keine achte Bibel in der Reihe, auf die sich schwören lässt. Es ist eine Möglichkeit. Ein Spiel. Was wäre, wenn…

Wenn Harry Potters Sohn nach Slytherin kommt, das Haus, das so viele böse Zauberer hervorgebracht hat. Wenn Harry Potters Sohn sich ausgerechnet mit Draco Malfoys Sohn anfreundet. Wenn die Autorin für einmal alle Zügeln fallen lässt und zwei Vierzehnjährige aus einem fahrenden Zaubererzug springen.

Und die wahre Magie: Es funktioniert!

Ein Zug fährt über die Bühne, die Zeit wird zurückgedreht, Menschen verwandeln sich und aus den Zauberstäben stoben Funken. Aber irgendwie verkommt das Spektakel nicht zu einer vergnüglichen Parodie; wenn die Bühne aufhört zu beben, bleiben Worte zurück, und sie gehen unter die Haut. J.K. Rowling kann mit einem Satz ein Weltbild umkehren, sie kann mit einem Wort einen Palast voller Gefühle ausdrücken.

Vor allem aber schafft sie Persönlichkeiten in vier Dimensionen. Harry Potter selbst steht, trotz Hauptfigurenstatus, bei den Lesern doch eher unbeliebt da, während wir alle gerne Hermine wären oder in die Clique von Fred und George Weasley aufgenommen würden. Er ist ein «verwunschenes Kind», Schicksalsträger und ewiger Miesepeter, so scheint es. Und ganz im Gegensatz zu Harry fällt es dem Publikum leicht, seinen jungen Sohn zu verstehen. Denn es ist nicht einfach, Harry Potters Sohn zu sein. Die Welt stellt Anforderungen, denen er nicht gerecht werden kann – er will nicht für das allgemeine Wohl sterben, wie das seine Namensvetter, Albus Dumbledore und Severus Snape, getan haben, und Albus Potter wird vermutlich auch nie einen dunklen Lord besiegen.

Auch Kind im Hause Malfoy sein ist nicht schön. Nicht, wenn landauf landab behauptet wird, man wäre in Wirklichkeit der Sohn von Lord Voldemort. Und was hilft es da, auf äussere Merkmale – wie eine Nase – hinzuweisen, wo doch die Mitschüler beim Hänseln nicht nach Rationalität fragen. Die zwei Jungen sind ebenso verwunschen wie ihre Väter; von ihren Vätern, von der Pubertät und von Vorstellungen, in die sie sich nicht zwängen können. Aber irgendwie bringen diese zwei Jungen eine Seite ihrer Väter zum Vorschein, die in deren eigenen Geschichten so leicht zu missen ist.Bildschirmfoto 2017-04-28 um 00.41.32Und wir erkennen ihn wieder, diesen Harry Potter, der sich gerne für die ganze Welt opfert, der keine Furcht kennt und der ständig den schlecht gelaunten Helden spielt. Es ist, als würde diese Bühne ihm endlich die Plattform bieten, sich zu zeigen. Endlich kann er versagen, glorreich und unter Fanfaren-Getröte. Und dann ist er, was er schon mit elf von sich gesagt hat, in dem einen zarten Moment, in dem wir uns doch ein wenig in den schwarzhaarigen Jungen mit der Narbe verliebt haben: «Harry. Nur Harry.»

«Nur-Harry» wird in der Schule gemobbt, lebt in einem Schrank und trägt eine Brille, die mit Klebeband geflickt ist. «Nur-Harry» hat Angst vor vielen Sachen, aber «Nur-Harry» hat auch Mut und «Nur-Harry» wäre gerne besser als er ist. «Nur-Harry» ist ein Mensch, den ich kennenlernen möchte.Bildschirmfoto 2017-04-28 um 00.41.14Märchen und Geschichten von Zauberei waren immer ein grosser Bestandteil meiner Kindheit, aber weder Hexe Lilli noch Bilbo Beutlin vermochten mein Leben zu prägen, wie dies Harry Potter getan hat. Es ist ein bisschen, als wären wir gemeinsam gross geworden, er und ich, und das ist wohl auch der Grund, weshalb er mich nicht loslässt.

Auf den Gesichtern im Theatersaal lag ein Glanz. Alle waren verzaubert, und vielleicht nicht nur sprichwörtlich. Ich glaube, im Grund sind wir die «verwunschenen Kinder» der Zaubererwelt. Verwunschen, weil wir tief in uns immer elf Jahre alt sein werden, weil wir stets auf diesen Brief warten werden, weil wir uns immer danach sehnen werden, der Muggel-Welt zu entkommen.

J.K. Rowling hat nicht gelogen. Sie hat die Pforten von Hogwarts tatsächlich geöffnet, wir sind tatsächlich zu Hause angekommen.

Und dieses Zuhause wird immer ein Ort der Zuflucht sein.

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