Eistänzer (Don’t Stop Me Now)

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Ich lobe mir den Sommer in Bern: die langen Tage, die musicalreifen Szenen, wenn die Menschen mit Musikboxen auf den Schultern und im Badeanzug einkaufen gehen, das skurrile Versprechen, das wir dem blauen Himmel abnehmen, dass wir heute den Gesetzen der Schwerkraft trotzen können. Ich lobe mir DON’T STOP ME NOW in der Endlosschleife, weil niemand genau zu wissen scheint, wie die Shuffle-Funktion auf Spotify funktioniert. Ich lobe mir den späten Vormittag an der Mittelstrasse, wenn die Stühle vor den Cafés bereits besetzt sind, wenn die Fahrradfahrer vorbeisausen, das Rauschen von Leben, von Kaffeemaschinen und Gesprächen, das selbst durch das schmale Gässchen in die Höhle dringt, in der die alte Gelati-Vitrine steht.
Schürze anwerfen, Hut aufsetzen, dann raus, raus, raus mit den Gelati: Fior di Latte, Limone di Sorrento, Mare di Nutella, Fragola Aceto Balsamico, Don’t stop me now! Die rosa Leuchtschrift geht an, sie spiegelt sich im Schaufenster der Garage auf der anderen Strassenseite, eine Einladung in Neon: If you wanna have a good time just give me a call!

 Ich lobe mir die platten Nasen der Kinder am Vitrinenglas, das Verlangen in ihren Augen, ein Gelati-Bad zu nehmen; die Erwachsenen, die nervös hin und her wippen, weil sie sich nicht entscheiden können; dieser kurze Augenblick, in dem sie die Augen zukneifen, nach der Hand einer Freundin greifen, dann der mutige Sprung: Cioccolato Sorbeto Fondente! Die Worte platzen heraus, der Entscheid ist gefallen, war es die richtige Wahl, wird dieser Tag sich lohnen? Don’t stop me now! So viel hängt von einem einzigen Spachtelstreich ab. I’m having such a good time, I’m having a ball!

Ich lobe mir das schmale Gässchen vor der alten Gelati-Vitrine, wenn die Leute von der Strasse dahinströmen; das Summen der Vitrine, der Gespräche, der Maschinen im Produktionsraum; unsere Stimmen Teil desselben Summens, die Synchronizität unserer Bewegungen, im Rhythmus miteinander: Wie wir auf Zehenspitzen nach Waffeln greifen, dann einen Schritt zurück, ein Griff nach der Spachtel, zurück auf die Zehenspitzen, und hoch der Arm. Don’t stop me now! Und von vorne: Zehenspitzen, Waffel, Schritt, Spachtel, Zehenspitzen, Arm. That’s why they call me Mister Fahrenheit!

 Ich lobe mir das Café nebenan und den Sirup, den sie uns dort ausschenken in den müden Momenten, wenn meine Füsse in der Pirouette steckenbleiben, meine verdrehten Knie gegen die Lüftung der Vitrine gepresst, die Ellbogen auf die Ablage gestützt. Die Geräusche werden plötzlich stumm, nur noch das Rauschen des Bluts in meinen Ohren, das Hämmern des Herzens gegen meinen Brustkorb, das Rauschen eines Atemzugs, bevor der Zucker einschlägt, und – Zehenspitzen, Waffel, Schritt, Spachtel, Zehenspitzen, Arm! Don’t stop me now! Wer ist als nächstes dran? Köpfe recken sich, jemand drängelt vor, ein Schubsen, ein Zerren, Zehenspitzen, Waffel, Schritt, Spachtel, Zehenspitzen, Arm! I wanna make a supersonic woman of you! Raus, raus, raus mit den Gelati: Fior di Latte, Limone di Sorrento, Mare di Nutella, Fragola Aceto Balsamico, Zehenspitzen, Waffel, Schritt, Spachtel, Zehenspitzen, Arm! Don’t stop me now!

 Ich lobe mir die Abende an der Mittelstrasse, wenn die Stühle in den Cafés noch immer besetzt sind, wenn das Leben zufrieden summt (Kaffeemaschinen und Gespräche), wenn ein rosa Schimmer müde auf dem Asphalt der Strasse liegt, dieselbe alte Einladung in Neon: If you wanna have a good time just give me a call!
Die Spachtel senken und wieder auf die Fersen rollen, eine langsame Drehung nach rechts, um nach dem Glasreiniger zu reichen, den Kopf nach oben für die letzte Bestellung (Augen zukneifen, Händedruck, tiefer Atemzug, Srung): Marron Glacé, Mandarine-Safran, Baumnuss-Heidelbeere – Zehenspitzen, Waffel, Seufzer, Schritt, Spachtel, Seufzer, Zehenspitzen, Gähnen, Arm. Ich lobe mir die Abende, wenn nicht nur der Tag vorüber ist, sondern ein ganzes Lied; wenn der Nebel in den Skeletten der Bäume hängen bleibt und es bereits mehr Winter ist als Herbst. Ich lobe mir mein Versprechen an den wolkenverhangenen Himmel: Yes I’m havin‘ a good time – I don’t want to stop at all.

(Beitragsbild: Gelateria di Berna)

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