Was ist mit Weihnachten? (in Honduras)

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Die Weihnachtszeit hat endlich begonnen; die Weihnachtsmärkte sind offiziell eröffnet und Lorelai Gilmore riecht den ersten Schnee in der Luft – all is merry and bright. Und dennoch: Als ich beim Frühstück auf mein Handy blickte, überfluteten mich Nachrichten aus Honduras.

«Ich habe Angst. Chaos.»
«Nicht einmal ruhig schlafen konnten wir.»
«Ich habe für mich und die Kleine einen Koffer parat. Für alle Fälle»
«Die Menschen schreien und rennen an meinem Haus vorbei.»
«Es kommt mir vor wie im Horrorfilm.»

Es sind Ausrufe der Angst, aber sie bleiben stumm. Kleine Stossgebete voller Verzweiflung. Hämmernde Herzen. Kloss im Hals. Zitternde Finger. Ein Leuchtturmsignal: Hier stehen wir!
Kaum hell genug, um gesehen zu werden.

Am Sonntag, 26. November, fanden in Honduras Präsidentschaftswahlen statt. Entgegen der Verfassung trat der amtierende Präsident Juan Orlando Hernández zur Wiederwahl gegen den liberalen Salvador Nasralla an. Bis heute sind keine eindeutigen Wahlergebnisse bekannt gegeben worden, beide Präsidentschaftskandidaten beanspruchen den Sieg für sich. Nasralla wirft Hernández Wahlfälschung vor, nachdem ein Vorsprung von dessen Partei bekannt gemacht wurde, und forderte seine Anhänger*innen dazu auf, friedlich gegen das Wahlergebnis zu demonstrieren. (Quelle) Im ganzen Land kommt es zu Ausschreitungen; besonders prekär ist die Lage in grossen Städten wie Tegucigalpa und San Pedro Sula, wo Strassenschlachten bereits Tote gefordert haben. Wer kann, bleibt zu Hause: In vielen öffentlichen Verkehrsmitteln sind Bomben gelegt worden; Freunde von Freunden wurden angeschossen oder verprügelt, ein Grossvater geriet in einen polizeilichen Tränengasangriff, ein Onkel liegt mit einer Schusswunde am Bein im Krankenhaus. Fast alle Geschäfte und Banken haben geschlossen, die Menschen verbarrikadieren sich in ihren Häusern.

«Ich fühle mich verlassen.»
«Es ist wie im Krieg.»
«Ich habe Angst.»
«Betet für uns.»

Was ist mit Weihnachten? dachte ich, als ich den Gruppenchat schloss. Er füllte sich bereits rasant mit neuen Nachrichten. Es ist ein kleines Stück Naivität, das ich mir wahre: Weihnachten ist heilig. Nichts Schlimmes kann auf der Welt passieren, solange Weihnachten ist. Aber die Leute haben recht: Es ist ein Krieg. Ein Krieg der Gefühle, Vertrauen gegen Angst, ein Krieg der Strassen, Mensch gegen Mensch. Und er findet jetzt statt, jetzt – in dem Augenblick, in dem wir Glühwein aufkochen und Lichtergirlanden an unsere Fensterrahmen hängen, in diesem selben jetzt trauen sich Menschen nicht aus ihren Häusern, klebt Blut am Asphalt der Strassen, ist jeder Knall ein Grund zusammenzuzucken.

Was ist mit Weihnachten?

Weihnachten findet trotzdem statt. Während ich den Wasserkocher zum zweiten Mal aufsetzte, schrieb Alex in den Sturm von Hilfeschreien hinein:

Padre nuestro,
que estás en el cielo,
santificado sea tu Nombre;
venga a nosotros tu reino;
hágase tu voluntad
en la tierra como en el cielo.
Danos hoy nuestro pan de cada día;
perdona nuestras ofensas,
como también nosotros perdonamos
a los que nos ofenden;
no nos dejes caer en la tentación,
y líbranos del mal. Amén.

Emoticons gefalteter Hände folgten der Nachricht. Ein virtuelles Aufatmen – Gott ist noch da, und es ist nicht vergebens, an ihn zu glauben.

Was ist mit Weihnachten?

Die relevante Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht, ob diesen Menschen bewusst ist, dass bald Weihnachten ist; Jesus’ Geburt ist die ganze Mitte ihres Denkens. Die wichtige Frage ist doch: Haben die Politiker begriffen, dass bald Weihnachten ist?

… Haben wir es begriffen?

Wir können nicht anders als uns zu solidarisieren. Weihnachten vermag das Schlimme nicht davon abhalten, sich zu ereignen, aber es kann uns motivieren, für das Gute einzustehen. Weihnachten müsste ein Friedensmarsch zum Regierungsgebäude in Tegucigalpa sein, es müsste der Megaaufschrei sein gegen die Ungerechtigkeit und den Verrat an der Menschlichkeit. Aber Honduras ist weit. Deshalb müssen wir hinhören und hinschauen und unsere Leuchttürme leuchten lassen. Weihnachten fängt an, wenn wir niemanden in seiner Angst alleine lassen.

«Gott wird uns helfen.
«Bitte, bleibt zu Hause!»
«Ich habe Kekse gebacken.»
«Behüte euch Gott.»
«Unser Vater im Himmel.»

Der Gruppenchat auf WhatsApp füllt sich weiter mit Nachrichten.

 

Weitere Informationen:
SRF (mit Echo der Zeit)
BBC

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