Über den Sinn eines Ostermarschs

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Es gibt ein Bild von Fritz Hartnagel, dem Freund der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, auf dem er in alten Jahren von zwei Polizisten während eines Friedensmarschs davongetragen wird. Er wirkt ganz glücklich darüber, dass er sie verärgert hat.
Ich dachte an ihn, als ich heute am Ostermarsch in Bern mitmarschierte. So anders ist meine Zeit schliesslich nicht als seine, wenn wir nur an den roten Knopf denken, den Trump betätigen muss, um einen Atomkrieg auszulösen, und an die Twitter-Nachrichten, die seine Bereitschaft dazu zum Ausdruck bringen. Ich dachte daran, mit welcher Vehemenz sich Fritz Hartnagel für eine friedliche Welt einsetzte. Er tat es natürlich, weil er seinem Schmerz um die hingerichteten Geschwister Scholl einen Sinn geben musste, weil er seinem Entkommen aus dem Kessel von Stalingrad einen Sinn geben musste. Er war ein Kind des Krieges und er wollte Frieden für seine Kinder und Kindeskinder. Und während wir so der Aare entlangspazierten mit der Sonne auf unseren Gesichtern, kam ich nicht umhin zu denken, dass dieser Sinn mir fehlt. Natürlich ist es gut, war ich da, natürlich ist es ein Zeichen, dass sich so viele Menschen den Frieden wünschen, aber die Kundgebungen am Ende des Marsches ermüdeten mich und wir gingen Kuchen essen.

Was ich weiss, ist dies: Jeden Tag fallen Bomben an den Orten, an denen die Bomben eben fallen. Kinder sterben und niemand versucht sie mit Adrenalin und Sauerstoff und Defibrillatoren zu retten. Niemand versucht zu verstehen, was passiert und wie es passiert. Es fallen Bomben und Kinder sterben.

Und ich war am Ostermarsch und hatte Spass.

Es darf Spass machen, denn selbst Fritz Hartnagel hatte Spass an den Märschen, aber ich bin doch eine von hunderten, die dem Tod von Kindern dadurch einen Sinn geben, dass sie an einem sonnigen Ostermontag durch Bern spazieren. Vielleicht wäre ich nicht hingegangen, hätte es geregnet, denn fast wäre ich nicht hingegangen, weil ich spät aufgestanden war. Ich achte zu wenig auf mein Konsumverhalten und ich wage es nicht, meine geplante Reise ins Disneyland zu hinterfragen. Und dies ist doch das Unheimlichste an unserer Zeit, diese Angst, unseren eigenen Lebensstil ändern zu müssen, um den Frieden möglich zu machen. Und genau deshalb war es vielleicht gut, dass ich mitspaziert bin, denn wir begegneten Miriam und ihrer Familie, die sich so konsequent für eine bessere Welt engagiert; diese vier Teenager, die Nestlé boykottieren und Unterschriften sammeln und die Welt nicht lassen wollen, wie sie ist. Ich fühlte mich an meine Liebe zu Sophie Scholl erinnert und an den Wunsch, meinem Leben einen Sinn zu geben. Und wenn dieser Marsch auch nichts anderes bezweckt hat, dann ist es doch eine grosse Errungenschaft, wenn ich mich dieses Jahr mehr empöre und mehr hinterfrage und aufs Neue beschliesse, die Welt nicht zu lassen, wie sie ist.

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