Über das Geschenk der Schönheit

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«Kleines Prinzesschen: Meine Gabe sei das Geschenk der Schönheit!»
Rückblickend erscheint mir die Anfangsszene von Disney’s Dornröschen, in der die Feen die neugeborene Prinzessin Aurora mit drei guten Wünschen segnen, etwas antiklimatisch: Ich komme schlicht nicht umhin zu denken, dass Feen bessere Zauber auf Lager haben als blonde Haare und rote Lippen. Die zweite Fee schenkt Aurora eine «Stimme wie Gold», was wiederum durchaus nützlich ist, weil sie mit ihrem Gesang den Prinzen anlockt, der sie später mit einem Kuss aus dem Zauberschlaf der bösen Malefiz erweckt. Freilich wird sich niemand gegen gutes Aussehen oder eine schöne Stimme wehren, aber die Feen hätten Aurora etwas wirklich Nützliches schenken können; die Fähigkeit, Marmeladegläser aufzuschrauben etwa. Oder Antibiotikum für den Fall einer Pestepidemie. Überhaupt hat ein starkes Immunsystem noch nie jemandem geschadet. Oder auch nur die Fähigkeit, im Fingerschnippen ein Zimmer aufzuräumen (offenbar hatten Mary Poppins‘ Eltern besseren Feen eingeladen).

Als meine Nichte geboren wurde, fühlte ich mich in die Rolle der guten Fee versetzt. Ich habe zwar keinen Zauberstab, der alle Wünsche wahr macht, aber solange sie sich hauptsächlich Süssigkeiten und Spielzeug wünscht, bin ich gut ausgerüstet. Schönheit war bei ihrer Geburt gewiss nicht auf meiner Liste von Segenswünschen. Ich wünschte ihr die Fähigkeit, selber zu denken und für sich einzustehen, ich wünschte ihr, dass sie Freunde findet und sich immer geliebt fühlt, ich wünschte ihr Träume und die Kraft, sie zu verfolgen, und ich wünschte ihr, dass sie in ihrem Innersten immer glücklich ist. Sie ist zu zaubervoll, um einfach nur schön zu sein. Sie kann Berge versetzen.

Ich möchte nicht behaupten, dass die Wünsche der Feen sexistisch sind, denn alles deutet darauf hin, dass der Prinz auf dieselbe Weise beschert worden ist. Ich möchte auch nicht sagen, dass es die furchtbarsten Wünsche überhaupt sind, denn besser als eine verfluchte Nadel sind sie allemal – auch wenn es im Endeffekt vielleicht sinnvoller gewesen wäre, den dritten Wunsch für dicke Hornhaut zu nutzen. Ich denke, was ich sagen will ist dies: Die wirklich guten Feen pfeifen auf reine Haut und wallendes Haar, weil es so viel mehr gibt, das wir sein können, als nur schön: Wir können selbstbewusst sein und uns selber lieben, und wenn ich eine gute Fee wäre, dann würde ich den Menschen genau das schenken.

Und vielleicht die Gabe mit dem Marmeladeglas. Denn genau wie beim Selbstbewusstsein ist man ohne zuweilen nämlich echt aufgeschmissen.

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