Über meinen Emanzenverein

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Seit drei Jahren bin ich in einem kleinen Buchclub, der alle paar Monate zusammenkommt. Wir sind wirklich klein, meist zu viert, in letzter Zeit auch nur zu dritt, alle Studentinnen. Wir kennen uns über die Webseite Goodreads, auf der Emma Watson damals ihren Buchclub, Our Shared Shelf, gründete. Mit ihrer Rede über die Wichtigkeit des Feminismus vor UN-Abgeordneten startete sie 2014 eine eigene kleine Trendwelle – der Feminismus bekam ein neues Gesicht und auf einmal wollten alle mitdiskutieren. Während ich mich mit Emma Watsons Worten zwar mühelos identifizieren konnte, war ich mir dennoch unsicher, ob mich das auch gleich zur Feministin machte. Schliesslich spielte der Feminismus in meinem Leben nie eine besondere Rolle; ich bin weiss und heterosexuell, gehöre der oberen Mittelschicht an und lebe in einem demokratischen Wohlfahrtsstaat. Ich war in meinen Möglichkeiten nie eingeschränkt und kam mir wie ein quengelndes Kind vor, wenn ich anfing von mehr Frauenrechten und mehr geschlechtlicher Gleichheit zu reden. Was mehr wollen wir denn noch?! Genauso anmassend erschien es mir aber, den Feminismus ganz zu diskreditieren, schliesslich war es diese Bewegung, die mir sämtliche Privilegien überhaupt eingeräumt hat. Hermine Granger sagt weise: «When in doubt, go to the library.» Und das tat ich dann auch.

Dass es sich um einen explizit feministischen Buchclub handelt, erzähle ich Gesprächspartnern prinzipiell erst, wenn sie nachfragen. In der Regel verdrehen sie die Augen. Noch so eine! scheinen sie zu denken. Manche sagen, dass sie das anstrengend finden, dass jetzt alle wieder so feministisch drauf sind. Es sind oft Frauen, die sich so äussern und die in regelrechte Rage verfallen, wenn das F-Wort fällt. Jemand nannte den Buchclub nur halb im Scherz einen «Emanzenverein». Ich musste lachen; ich stelle mir gerne vor, wie wir vier mit unseren Strickarbeiten im düsteren Keller sitzen, über Männer lästern und die Weltherrschaft der Frauen planen. In Wirklichkeit treffen wir uns zu Tee und Kuchen und besprechen Bücher. Im Moment lesen wir alle Sarah Moss‘ Roman The Tidal Zone, der vordergründig kein feministisches Manifest, sondern ein Familiendrama ist. Wir unterhalten uns über die Darstellung von Frauen in Büchern, über die Bedeutung von Rassendiversion in der Popkultur und immer mal wieder über Harry Potter.

Ich bin bis jetzt nicht sicher, ob ich Feministin bin. Ein bisschen vielleicht. Was ich aber weiss, ist, dass mehr Menschen auf diese Weise zusammenkommen müssten, um über unsere Gesellschaft zu diskutieren. Es geht nicht darum, konsequent unzufrieden zu sein, sondern einzig um die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung unseres Alltags.
Einmal erwiderte ich auf einen besonders gehässigen Kommentar mit: «Das ist aber ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung.» Der Spruch sass tiefer, als ich beabsichtigt hatte, aber ich dann dachte ich wiederum: Es ist doch nur ein Buchclub; kein Grund, gleich bissig zu werden.

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