Über die schönste Stadt Deutschlands

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Vor fünfundvierzig Stunden bin ich für ein Praktikum bei der ZEIT nach Hamburg gezogen; und so gerne ich mich diesen Satz sagen höre, so ernüchtert bin ich auch angesichts der Tatsache, dass jeder Traum mit einem Berg von Bürokratie einhergeht. Ein Bankkonto anzulegen etwa, stellte ich mir unkompliziert vor: «Hallo, ich möchte Ihre Kundin sein!» – «Alles klar, hier ist Ihre IBAN-Nummer!»

Ich beging denselben Gedankenfehler, der mir schon etliche Male zuvor widerfahren ist: Nur weil etwas in Honduras mühelos geklappt hat, bedeutet nicht, dass es auch in Westeuropa funktioniert – hier muss man sich melden, hier muss man Formulare ausfüllen, vor allen Dingen muss man hier Geduld haben. Der Himmel war grau und meine Füsse schmerzten und ich kam an den Punkt, an dem ich mich dafür hasste, dass ich meinen Teddybären zu Hause liegen gelassen hatte. Ich hatte ein Buch von John Strelecky dabei, das ich beim Warten in einem der Bezirksämter las, und ich wünschte mich weit fort an einen Strand in Hawaii. In der Ferne scheint immer alles einfacher zu sein; nur ist es ja so, dass die Ferne aufhört fern zu sein, sobald man sich in ihr befindet, und stattdessen grauenhaft echt wird. Aber es gibt auch andere Dinge, die echt sind, wenn man sich die Mühe macht, sie zu bemerken: Die Hamburgerinnen sind freundlich. Und die Hamburgerinnen lieben ihre Stadt. Jedes Mal, wenn ich seufzte, weil wieder eine Stunde herum war und ich noch immer am Anfang meiner Mühen stand, entschuldigten sie sich und sagten: «Aber fühlen Sie sich bitte trotzdem herzlich willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands!»

Nach Hamburg zu kommen, war ein Traum für mich, und jedes Mal, wenn ich diesen Satz hörte, und es waren viele Male auf vielen verschiedenen Ämtern, fühlte ich mich daran erinnert. Ich liebe die Zugfahrt nach Hamburg, die Gespräche mit den anderen Fahrgästen, die Landschaft, die sich verändert, das Gefühl vom Unterwegssein. Ich liebe den ersten Blick auf Hamburg, die Brücken und die roten Backsteinhäuser, das Wasser. Ich liebe das Gefühl von Hamburg, Schiffe und Wasser und Paulina und Inga und der Himmel über den Dachspitzen. Ich wollte hier wohnen, wollte es mehr als irgendein Praktikum, und hätte mir jemand gesagt, dass ich innerhalb der ersten zwanzig Stunden bereits Blasen auf den Füssen und Bauchschmerzen vor Frustration hätte, ich hätte mich ja doch nicht anders entschieden.
Samantha fragte kürzlich: «Weisst du eigentlich überhaupt, wie glücklich du bist?»

Ich weiss es.

Ich bin noch nicht ganz angekommen, aber ich bin auf dem Weg.
Und wenn jemand fragt: Ich bin in der schönsten Stadt Deutschlands.

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