Geschichten eines Tages | Krakau 2019

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«Manche Geschichten sind wahr und manche Geschichten sind schöner, wenn man sich vorstellt, dass sie wahr sind.» Die Stadtführerin zeigte mit einer Hand auf die alten Gebäude, die Krakaus Marktplatz prägen. Die Kirche, die Tuchhallen, die bunten Häuserfassaden, das Mickiewicz-Denkmal – als wollte sie die tausend Legenden und Mythen wieder heraufbeschwören, auf denen Krakau einst gebaut wurde und an denen es immer noch wächst. Jahre der Teilung, der Besatzungen und des Kommunismus konnten den Menschen nicht ihre Märchen nehmen.

Zu jeder vollen Stunde spielt ein Mitglied der freiwilligen Feuerwehr aus dem obersten Fenster der Marienkirche die Trompete, um an einen alten Märtyrer zu erinnern. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte himmelwärts den beiden ungleichen Türmen entlang und unter den vorbeiziehenden Wolken schien es, als würde sich die Kirche selber bewegen, schnell und unaufhaltsam. Es erinnerte mich daran, dass ich den Wind mag, weil man an ihm erkennen kann, dass die Erde sich dreht. Aber manchmal ist es schöner, das Gegenteil zu glauben: Die Welt dreht sich, weil der Wind bläst.

Es war Weltfrauentag. Nach der Führung stolperte ich in eine kleine Buchhandlung und kaufte ein Buch über Krakaus Legenden, weil Drachen aus Tinte und Papier lebendiger sind als jene aus buntem Plüsch, die in den Souvenirläden verkauft werden. Ich bekam einen kleinen Rabatt wegen des Feiertags und ein Buch über Quantenphysik gratis dazu. Ich stopfte alles in meinen Jutebeutel und bevor ich gehen konnte, streckte mir die Verkäuferin einen Strauss Tulpen entgegen. Zum frohen Weltfrauentag. Ich quetschte ihn zwischen die Bücher. Ich kann Blumen nie lange am Leben halten – ich bin froh, wenn ich es schaffe, dass meine Seele blüht.

Aber an dem Abend stand ich mit Róża in der Küche und gemeinsam betrachteten wir die Blumen, dich ich in ein Marmeladeglas vor die Mikrowelle gestellt hatte. Sie erzählte mir, dass der Schmetterling auf Englisch nur wegen eines Schreibfehlers «Butterfly» heisse, sein richtiger Name sei einst «Flutter-By» gewesen. Darauf stiessen wir mit einer Mischung aus Haselnuss-Wodka und Milch an.

Zu viert in der Küche, müssen zwei auf dem Boden sitzen und dann fällt jemandem der Schmutz auf, der da liegt, aber jemand anderes packt einen Joghurt aus und vier Löffel, und der Becher wird reihum gegeben. Und jeder erzählt die absurden Geschichten, die sein Tag brachte, und wenn ich darüber nachdenke, dann ist die Küche ein guter Ort für Geschichten, aus denen irgendwann Städte wachsen.

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