Momente | Krakau 2019

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Es muss einen Punkt in meiner Vergangenheit gegeben haben, an dem ich zu vergessen begann, wie sehr ich es liebe, unterwegs zu sein: Stundenlang aus dem Fenster schauen, während die Landschaften vorbeiziehen, in Buchhandlungen stöbern, wenig schlafen und sich rastlos von Eindruck zu Eindruck stürzen.
Dann lud mich kleine Gruppe Erasmus-Studentinnen ein, sie auf einer Reise durch das Baltikum zu begleiten: nur die Hauptstädte, Vilnius, Riga, Tallinn, insgesamt vierzig Stunden Busfahrt in sieben Tagen, anderthalb Tage an jedem neuen Ort.
(Die Idee widersprach meiner Reise-Ethik so sehr, dass ich sofort zusagte.)
Wie wir fünf am Krakauer Busbahnhof standen und uns freuten, kehrte der ganze Rausch des Reisens zu mir zurück und ich fing an, die Momente zu sammeln, um irgendwann zu ihnen zurückkehren zu können.

Ich lachte jeden Tag so sehr, dass mir die Tränen kamen und meine Rippen schmerzten.

Ich kannte Ariana vor der Reise nicht. Bei der ersten Begegnung liess ich ungefragt meine Finger durch ihre Haare gleiten. Danach waren wir Freunde.

Zwischendurch legte jemand wie beiläufig einen Arm durch meinen, wenn wir einer Stadtführerin durch die Strassen einer neuen Stadt folgten.

Wir verbrachten sieben Stunden an einem Strand in Riga und zeichneten Penisse in den Sand.

Wir verloren die Gruppe der Stadtführung in Vilnius für mehrere Minuten aus den Augen, weil wir eine Katze streicheln mussten, die sich auf einem Auto sonnte.

Angeline sprach Beach wie Bitch aus und ich wunderte mich, wie diese liebliche, kleine Person jemanden so urteilend eine Fake Bitch nennen konnte.


Niemand von uns begriff, was Art Nouveau wirklich ist, aber jede von uns wollte in dem Haus von Michail Eisenstein in Riga wohnen, dessen Haupteingang von zwei Sphinxen bewacht wird.

Jenny merkte, dass ich besonders laut lachte, wenn sie auf ein Warum mit «I just gotta» antwortete. Von da an brauchte sie den Ausdruck so inflationär, dass er irgendwann eigentlich nicht mehr hätte lustig sein dürfen. Um drei Uhr morgens am Busbahnhof in Warschau bedankte ich mich bei ihr, dass sie mich auf die Reise eingeladen hatte. Sie grinste. «I just gotta.“

Die Stadtbilderklärerin in Riga trug einen Harry-Potter-Anhänger um den Hals. Wir fragten sie nach dem Weg zum Strand und nach ihrem Hogwarts-Haus. Beides war uns gleich wichtig.

Ich gestand Darko im Zug nach Krakau, dass ich es bereute, den Polnisch-Einsteigerkurs im Februar verpasst zu haben, weil ich eine Prüfung schreiben musste. Er bedachte das für einen Augenblick, dann ein Schulterzucken und ein Lächeln. «Egal. Wir hätten uns einfach früher kennengelernt. Alles andere wäre gleichgeblieben.»


Am Warschauer Busbahnhof um vier Uhr morgens lasen wir einander estländische Märchen vor.

Manchmal sah ich in das Gesicht von jemandem und erkannte darin die gleiche Dankbarkeit für unsere gegenseitige Gesellschaft.

 

 

 

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