Bücher

„Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.“

(John Green

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Wen der Rabe ruft

  • Autorin: Maggie Stiefvater
  • Originaltitel: The Raven Boys
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Genre: Mystery, Fantasy, Liebe

Blue Sargent wusste mittlerweile schon gar nicht mehr, wie oft ihr gesagt worden war, dass sie ihrer wahren Liebe den Tod bringen würde.

Die sechzehnjährige Blue Sargent, einziges nicht-hellsichtiges Mitglied einer Familie voller Hellseherinnen, weiss, die Jungen der teuren Privatschule, Aglionby Academy, sind reich, arrogant und sorgen nur für Probleme. Blues Leben ändert sich jedoch, als sie die vier Aglionby-Jungen, Gansey, Adam, Ronan und Noah kennenlernt. Sie haben alles: Geld, Familie, Freunde, gutes Aussehen – doch sie alle sind auf der Suche nach mehr: Gansey will eine alte Ley-Linie wieder zum Leben erwecken, um einen walisischen König zu finden, der ihm einen Wunsch erfüllen wird.

Blue hat immer gewusst, dass sie ihre wahre Liebe mit einem Kuss töten wird, aber sie hat nie daran geglaubt, dass dies ein Problem sein würde. Nun, da ihr Leben sich mit der düsteren Welt der Raben-Jungen verstrickt, ist sie sich da allerdings nicht mehr so sicher.

Bestsellerautorin Maggie Stiefvater verarbeitet in diesem neuen, unkonventionellen Roman wie viele vor ihr das grosse Thema der wahren Liebe. Mit der liebenswürdigen Protagonistin, Blue, erkunden wir die komplizierte Welt der Gefühle und verlieben uns mit ihr in die kleine Gruppe der Reichen und Schönen. Was den Roman jedoch massgeblich von anderen seiner Art unterscheidet, ist die hervorgehobene Freundschaft zwischen den vier männlichen Hauptfiguren. Auf nüchterne und wundervolle Art entfernt sich Stiefvater von sämtlichen Klischees, die unsere Gesellschaft prägen. Anstelle von vier grossen, mutigen Muskelprotzen im Prinzengewand und mit Gaul haben wir vier Interpretationen von Goethes „Werther“: Gansey, das Sonntagskind, freundlich, unbesorgt und naiv. Er ist der Anführer der Gruppe, fast zur Besessenheit darauf erpicht, „seinen“ König zu finden. Ronan, dessen Vater ermordet wurde, „ein Soldat in einem Krieg, in dem alle anderen die Feinde waren.“ Adam, der einzige, der nicht reich ist und der von seinem Vater regelmässig verprügelt wird. Und Noah, der immer beobachtet, der sieht und der nur selten redet. Vier Jungen mit ihren Rissen in ihren Seelen, die nur miteinander funktionieren können, die sich lieben und hassen und die einen Gansey nötig haben, der sie daran erinnert, dass es etwas Zauberhaftes in der Welt gibt.

Überschattet wird diese Freundschaft von dem grossen Konflikt zwischen arm und reich. Wie behält man seine Würde, wenn man sich als einziger seine schulischen Leistungen nicht kaufen kann? Blue, die ihr Leben lang in bescheidenen Verhältnissen gelebt hat, entdeckt, dass auch hinter der glitzernden Fassade des Reichtums nur kleine Menschen mit grossen Träumen kauern.

Stiefvaters Schreibstil ist wie immer unschuldig und ehrlich und bricht grosse Themen auf eine Alltagsbasis hinunter. Voller Poesie und Witz erinnert uns der Roman daran, dass Menschen immer Menschen bleiben und dass es sich lohnt, an das Unmögliche zu glauben. Nicht zuletzt hilft uns hier auch der berühmte Blick ins fremde Tagebuch, das Blue wie folgt beschreibt: „Mehr als alles andere wollte das Tagebuch. Es wollte mehr, als es halten konnte, mehr, als Worte beschreiben konnten, mehr, als Diagramme zeigen konnten. Verlangen barst von den Seiten, von jeder wilden Zeile und hektischer Skizze und jeder dunkel gedruckten Begriffserklärung. Es hatte etwas Schmerzvolles und Melancholisches an sich.“

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Die Tribute von Panem

„Ich fühle mich nicht länger mit diesen Monstern verbunden, die sich Menschen nennen, obwohl ich selbst einer bin. […] Denn etwas ist massgeblich falsch mit einem Wesen, das das Leben seiner Kinder opfert, um seine Streitigkeiten zu schlichten. […] Doch wer profitiert am Ende davon? Niemand. Die Wahrheit ist, dass niemand von einer Welt profitiert, in der diese Dinge geschehen.“

Kaum ein Film wurde dieses Jahr so sehnlich erwartet wie Catching Fire, die Fortsetzung des Millionenerfolgs The Hunger Games.

Die Romane, geschrieben von der amerikanischen Schriftstellerin Suzanne Collins, verschwinden aus den Regalen wie frische Brötchen und der Merchandise-Markt boomt wie zuvor bei Harry Potter; treue Fans kaufen sich Katniss‘ Mockingjay-Pin und lassen sich sogar ihre Haare auf dieselbe Weise flechten wie ihr Idol.

Und Katniss Everdeen, Protagonistin der Bestseller-Trilogie, ist ein Idol. „Das Mädchen, das in Flammen steht“, wie sie genannt wird, ist ein Symbol für eine Rovolution in einem futuristischen Staat, in dem Reichtum Macht bedeutet und Armut als Geistesschwäche gesehen wird. Als an den jährlichen Hungerspielen, zu denen vierundzwanzig Teenager in eine Arena geschickt werden, in der sie sich bis auf den Tod bekämpfen, der Name ihrer kleinen Schwester gezogen wird, meldet Katniss sich freiwillig als Tribut. Wir bewundern sie für ihren Mut, dafür, wie sie mutig das Leben ihres Freundes, Peeta, rettet, wie sie sich furchtlos hinstellt und niemand anderes ist als sich selbst.

Das Buch wie auch der Film zeigen auf brillante Weise die perversen Unterschiede zwischen dem glamourösen Kapitol mit seinen Fernsehshows und Partys und dem schmutzigen Distrikt 12, in dem die Leute hungern und jedes Jahr ihre Kinder in den sicheren Tod schicken müssen.

Und natürlich schütteln wir den Kopf.

Wie kann man nur zusehen, wie Jugendliche sich gegenseitig töten? Wie kann man etwas derart Grauenvolles bloss unterstützen? Wir fragen uns: Warum unternimmt niemand etwas gegen diesen lächerlichen Staat? Denn, wie es Katniss gegenüber dem Präsidenten ausdrückt: „Es [das System] muss sehr zerbrechlich sein, wenn es von einer Handvoll Beeren gestürzt werden kann.“ Dabei nimmt sie Bezug auf die Revolution des Volkes, nachdem sie am Ende der Spiele angedroht hat, sich das Leben zu nehmen, sollten nicht zwei Gewinner anstelle von einem von den Spielemachern toleriert werden.

Ein zerbrechliches System, wie es sie im Totalitarismus so oft gibt, und eine Welt, die zu feige ist, sich zu wehren. Und da sind wir, im Kino mit unserem Popcorn, kopfschüttelnd – blind. Niemand fragt sich, auf welcher Seite wir tatsächlich stehen. Sind wir Katniss? Stehen wir auf und suchen nach einem Weg, tyrannische Politiker zu stürzen? Nein, denn wir sind das Kapitol! Auch wir sehen Jugendlichen dabei zu, wie sie sich gegenseitig umbringen. Mehr noch, wir wissen von der Ungerechtigkeit in der Welt, von der Sklavenarbeit, die hinter unseren schicken Kleidern und Handys steckt, von der Nahrungsmittelspekulation und der Privatisierung des Wassers – und wir schlafen abends ein, ohne einen weiteren Gedanken an das zu verschwenden, was wir eben in den Nachrichten gesehen haben. Und dann nennen wir es krank, wie ein Herrscher einer öffentlichen Hinrichtung beiwohnen und danach in Ruhe frühstücken kann!

 Die Tribute von Panem ist zweifellos das wichtigste Buch unserer Zeit: Ein Werk, das die Jugend anspricht, sich gegen die Ungerechtigkeit zu wehren und sich für seine Ideale einzusetzen. Und wer weiss, vielleicht steckt uns Katniss‘ Feuer doch noch an und wir hören auf, uns zu fragen, warum nicht irgendjemand etwas unternimmt, sondern erkennen, dass wir jemand sind!

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