Schwerer Abschied und Herzlicher Empfang

Und ich dreh‘ mich einmal um – schon ist das halbe Jahr ‘rum!
Weil kein Mensch so schnell versteht, wie die Zeit vergeht!
(Wise Guys)

Ich kann gar nicht genug betonen, wie recht die Wise Guys mit diesen simplen Zeilen haben. Gerade eben ist doch so viel passiert und plötzlich befinden wir uns mitten im August!

Mit Annie auf dem Mt Eden in Auckland
Mit Annie auf dem Mt Eden in Auckland
Ab nach Hause!
Ab nach Hause!

Meine grösste Angst, als ich Honduras verliess, war, in ein tiefes Loch zu stürzen, in dem ich mein Zuhause in Honduras – oder spezifischer in Chiminike – vermissen würde. Aber dann war ich plötzlich in Neuseeland, baute mit Charlie Schneemänner, ging mit Lucy koreanisch essen, machte mit Annie eine Café-Tour durch Mount Eden Village – und plötzlich stand ich wieder auf schweizerischem Boden.
Manchmal kommt es mir noch schräg und seltsam und falsch vor, dass es nach achtzehn Uhr noch lange nicht dunkel ist und ich mich alleine draussen aufhalten kann. Oder dass ich für den Bus im Voraus ein Ticket lösen muss und nicht zu schreien brauche, wenn ich aussteigen will. Ich ertappe mich dabei, wie ich in der Strassenbahn plötzlich panisch meine Hosentaschen nach den elf Lempiras absuche, bis mir einfällt, dass ich bereits bezahlt habe.

Warmes Willkommen in der Schweiz
Warmes Willkommen in der Schweiz

Aber es geht mir gut. Ich laufe durch die Strassen Berns und habe das Gefühl, nicht länger als zwei Wochen fort gewesen zu sein. Ich sehe meine Freunde, und sie mögen mich in den Wahnsinn treiben, aber ich fühle mich so zu Hause und verstehe plötzlich wieder, warum ich nicht weg wollte vor sechs Monaten. Manchmal denke ich sogar: Warum bin ich eigentlich gegangen? Ich hätte die ganze Zeit bei ihnen sein können!
Und dann kommen mir so viele Bilder in den Sinn, so viele Gesichter; Milo, wie er mir die ersten Akkorde auf der Ukulele zeigte, Mariam, die mich jeden Abend nach dem Arbeiten ins Einkaufszentrum schleppte, Sloany und Kely mit ihren ewigen Witzen, Jorge, wenn er mir aus Harry Potter vorlas… so viele Leute, die es wert waren, meine kleine, sichere Seifenblasenwelt für eine Weile zu verlassen.

... als wäre überhaupt keine Zeit vergangen!
… als wäre überhaupt keine Zeit vergangen!

Vielleicht, denke ich manchmal, ist es nicht nur der Ort, der mir fehlt, oder die Menschen. Vielleicht bin ich es. Vielleicht vermisse ich die Person, die ich war und die ich nun nie wieder sein werde. Ich vermisse es, das Leben, das ich hatte, aber ich weiss, dass ich mein Leben hier nicht eintauschen werde. Es hat auf mich gewartet, glaube ich. Alles da, wo ich es gelassen hatte, noch immer die gleichen Witze, über die gelacht wird. Nur ich bin anders, aber das ist okay. Ich bin zurück in meinem Auenland, wo alles seine Ordnung hat. Wofür wäre ich schliesslich verreist, wäre ich noch immer, wer ich war, bevor ich ging? Und ist es nicht ein Segen, einen Ort zu haben, den zu verlassen so schmerzvoll ist? Ich habe gleich mehrere – wie glücklich ich mich schätzen kann!

„…manchem schweren Abschied folgt ein herzlicher Empfang…“

Tag 178 — „Raus hier, bevor sie dich adoptieren!“

Hier sitze ich nun also nach hundertachtundsiebzig Tagen am Flughafen in Los Angeles, bereit für die Weiterreise nach Neuseeland. Hundertachtundsiebzig Tage. Jeder einzelne davon gelebt, gefühlt, jeder Tag ein kleines Abenteuer. Hundertachtundsiebzig Tage haben den Hobbit, den ich am Anfang war, wachsen lassen, sind vorbeigezogen, kommen nicht mehr wieder.
Hundertachtundsiebzig.
Ich kann es noch gar nicht richtig fassen, dass dieses Leben hier einfach aufhört. So viele kleine Momente, die mein Leben hier geformt haben, die nun einfach vorbei sind.

Hasta luego, Alex & Milo!
Hasta luego, Alex & Milo!

Die letzten Tage hier waren so intensiv, dass ich bisher kaum Zeit hatte, zu begreifen, dass alles seinem Ende zuging.

Hochzeit auf honduranisch
Hochzeit auf honduranisch

Vor zwei Wochen war ich mit meiner Gastfamilie zu einer Hochzeit eingeladen. Es versteht sich von selbst, dass der Aufwand, was Kleider, Schuhe und Make-Up angeht, hier wesentlich grösser ist als zu Hause in der Schweiz. Das verstand auch mein Chef, Alonso, und gab mir den Nachmittag davor Zeit, einkaufen zu gehen. Wie sich herausstellte, bin ich eine echte Amateur-Shopperin, wenn es ernst wird. Milovan und Jorge sahen es als ihre persönliche Pflicht an, mit mir ein Kleid auszusuchen, wofür sie das halbe Geschäft auf den Kopf stellten. Sie machten sich auch daran, nach dem richtigen Schmuck zu suchen, vertrauten dann aber doch lieber dem Urteil einer Freundin, die später dazustiess.  Ansonsten sind honduranische Hochzeiten nicht anders als unsere. Abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass die Kirche um zehn Uhr Morgens begann und wir um elf Uhr von zu Hause losfuhren, sodass wir nur die letzten zehn Minuten des Gottesdienstes mitkriegten.

Tryggvi feiert Geburtstag
Tryggvi feiert Geburtstag

Mein letztes Wochenende hier in Honduras verbrachte ich kaum zu Hause. Am Freitag schlief ich bei meiner Freundin, Mariam, wobei ich ihre ganze Familie kennenlernte. Ich erwähne dies, weil Pyjama-Partys hier nicht sind wie bei uns. Allein der Unterschied wie meine Freunde hier leben und wie ich lebe ist schlicht zum Kotzen. Und dabei gehören sie weder der Unterschicht an noch leben sie besonders schlecht. Aber die Tatsache, dass ein Haus die meiste Zeit kein fliessendes Wasser hat, ist für mich nicht normal, besonders wenn ich die riesigen Einkaufszentren und Luxushotels sehe, für die offensichtlich Geld vorhanden ist. Die Familien von Freunden kennenzulernen, ist immer ein reizendes Erlebnis. Sie sind oft sehr entzückt und wollen alles wissen, nach fünf Minuten wünschen sie sich, man würde bald wieder kommen und nach zehn Minuten ist man Teil der Familie. Am nächsten Morgen, als wir zur Arbeit gingen, hiess es sofort: „Raus hier, bevor sie dich adoptieren!“

Mit Alex auf dem Höhepunkt!
Mit Alex auf dem Höhepunkt!
Der Wasserfall von Pulhapanzak
Der Wasserfall von Pulhapanzak

 

Am Sonntag fuhren wir alle nach Pulhapanzak, einem Wasserfall, drei Stunden von Tegucigalpa entfernt. Auf dem Weg besuchten wir die Höhlen von Taulabé, in denen laut einer Legende 30‘000 Dollar vergraben sein sollen (die wir leider nicht fanden). Pulhapanzak war unglaublich atemberaubend. Und weil wir schliesslich hier in Honduras sind, ist der Weg entlang des Wasserfalls nur spärlich gezäunt. Konstant lagen mir die Ermahnungen der anderen im Nacken: „Cuidáte, Noemí!“ — „Con muuucho cuidado aquí, Noemí!“ — „Despacio!!“ Nur weil ich gelegentlich in Türen reinlaufe!10530698_10203536733074696_2063354333724722127_n

Der traurigste Tag war der Dienstag, als mein offizieller Abschied von Chiminike war. Wir assen gemeinsam zu Mittag, Alonso, unser Chef, hatte eine Präsentation der letzten sechs Monate vorbereitet, dann begannen sie alle zu sprechen und Geschenke auszupacken. Und ständig die Bitte: „Nunca nos olvides, escuchas?!“ — „Vergiss uns nie, hörst du?!“ Als könnte ich irgendjemanden von diesen wundervollen Menschen einfach so vergessen!

Gestern Abend schliesslich hielt es ein zweites Mal Abschiedsnehmen, diesmal in der UNAH, der Universität, wo wir uns noch einmal versammelten. Es bricht mir das Herz, alle diese guten Freunde zurückzulassen, aber dann kann ich doch nicht anders als lachen, wenn sie sich über meinen Akzent lustig machen.

v.l.n.r. Fernando, Alonso, Eliette, ich, Bernard, Sloany, Michelle, Yoni & Alma
v.l.n.r. Fernando, Alonso, Eliette, ich, Bernard, Sloany, Michelle, Yoni & Alma

Es ist so, wie das Zitat sagt:

Warum gehen wir fort? Damit wir zurückkommen können. Damit wir den Ort, von dem wir kommen mit neuen Augen und in neuen Farben sehen können. Und die Leute dort werden uns ebenfalls anders sehen. Dahin zurückzukehren, wo wir begonnen haben, ist nicht dasselbe, wie niemals fortzugehen.“ (Terry Pratchett)

Abschied in der UNAH mit Jorge, Milovan, Elisabeth, Vicky (vl.n.r. hinten), Alex & mir (vorne)
Abschied in der UNAH mit Jorge, Milovan, Elisabeth, Vicky (vl.n.r. hinten), Alex & mir (vorne)
Abschied von Mariam & Carlos
Abschied von Mariam & Carlos

Und das ist es, was ich tue. Heute kehre ich nach Neuseeland zurück, das ein Jahr lang mein Zuhause war. In zwei Wochen kehre ich in die Schweiz zurück, das immer mein Zuhause sein wird. Und bald, hoffentlich, kehre ich zurück nach Honduras. In der kurzen Zeit, die ich dort verbracht habe, habe ich die besten Freunde gefunden und mein Herz in einem verrückten Kindermuseum gelassen. Ich habe gelernt, keine Angst zu haben, zu sein, wer ich bin, schlechte Musik zu hören oder nicht gern Gemüse zu haben. Und nicht zuletzt kann ich nun mit Vertrauen sagen, dass man sich in jedem Winkel dieser Welt zu Hause fühlen kann, genau wie Milovan mir sagte:

„Da kommt ein Mensch vom anderen Ende der Welt und zeigt mir, wie toll es in jedem Winkel dieses Planeten zu leben sein kann!“

Tag 155 — !Copiaro!

Beim Zubereiten von Tamalitos -- Teigtaschen mit Reis & Fleisch in Bananenblätter
Beim Zubereiten von Tamalitos — Teigtaschen mit Reis & Fleisch in Bananenblätter

„Und was passiert, wenn wir Luft in unserem Magen haben, Kinder?“ Ein verhaltenes Kichern, keine Antwort. „Ich sag‘s so: Alles, was wir zu uns nehmen, Essen, Trinken und Luft, muss auf irgendeine Weise den Körper verlassen… wohin geht die Luft? Zum Bauchnabel?“ Weiteres Kichern, einige rufen laut: „Nooo!“ „Aha, in dem Fall? Durch die Ohren?“ Ein paar Mädchen beissen sich grinsend auf die Unterlippe, bis ein mutiger Junge endlich ruft: „Durch den Hintern!“ Und eine piepsige Stimme ruft hinterher: „Pedos!“ – „Fürze!“
Wie ich heute gelernt habe, ist nichts so unterhaltsam wie wohlerzogenen Honduranerlein Fürze und Rülpser zu erklären. Selten ist mein Publikum so aufmerksam und vergnügt, ausser vielleicht, wenn es darum geht, aus welchem Land ich komme, und für welche Mannschaft ich am 25. Juni jubeln werde – die Schweiz oder Honduras!

Mein Pogramm am Donnerstag
Mein Pogramm am Donnerstag

Die vergangene Woche war eine der anstrengendsten überhaupt. Ich war Koordinatorin der Morgengruppe, und so sehr es mir gefiel, sagen zu können, „Andáte para tu sala!“ – „Geh in deinen Raum!“, so war ich doch jeweils froh, wenn ich um zwölf meine Baleadas essen konnte, während mir Jorge aus Harry Potter vorlas und mich um den Nachmittag nicht zu kümmern brauchte! Für jeden Tag musste ich ein Programm vorbereiten, um genau zu wissen, wie viele Gruppen kommen würden und wann sie welchen Raum besuchten. Eine Gruppe hat fünfundzwanzig Minuten in jedem Ausstellungsraum gut, aber dann muss man bedenken, dass differenziert wird zwischen Privatschulen, die Eintritt bezahlen, und öffentlichen, die das Museum gratis besuchen, dafür aber gewisse Räume nicht betreten und deshalb mehr Zeit in den anderen haben.
Und dann gibt es Tage wie den Donnerstag mit siebenhundert Kindern. Davon haben hundert ein Spezialprogramm, weshalb zu Zeiten drei Räume auf einmal für die restlichen Gruppen gesperrt sind. Es gibt acht Räume, das bedeutet, ich kann nicht mehr als neun Gruppen machen, „Reservados“ (Privatschulen) und „Patrocinios“ (öffentliche Schulen) dürfen nicht gemischt werden – und wegen dem Spezialprogramm fehlt es mir an Guías! Ich hatte schliesslich neun Gruppen von bis zu siebzig Kindern und genau neun Guías, die sie durchs Museum führen konnten. Natürlich sieht es das Schicksal als absolut angebracht, mir spontan eine zehnte, nicht angemeldete Gruppe zu schicken und kurz darauf eine Familie, die findet, sie möchte doch auch gerne geführt werden. Und das, wo wir nachmittagelang Klatschspiele spielen, weil es an Besuchern fehlt! Ich rannte die ganze Woche schweissgebadet das Museum auf und ab, das Funkgerät ans Ohr gedrückt, um zu hören, falls jemand „Adelante, Coordinadora?“ rief. Und dann gibt es die tollen Freunde, die einen (in diesem Fall mich) vom letzten Raum bis ganz nach oben rennen lassen, um zu fragen, ob man (ich) ihnen Süssigkeiten kaufen kann! „Que parto!“, sagt da mein Chef, Alonso, nur – „Was für ein Depp!“

Bedrückte Stimmung nach dem dritten Tor Frankreichs gegen Honduras
Bedrückte Stimmung nach dem dritten Tor Frankreichs gegen Honduras

Am Sonntag schliesslich ein weiterer grosser Tag: Honduras gegen Frankreich. Da meine Gastfamilie verreist war, war Platz genug vor dem Fernseher für die „Zipotes“ von Chiminike. Was für ein Anlass! Die Jungs sahen sich das Spiel praktisch im Stehen an – alle anderthalb Minuten sprangen sie auf und brüllten „hijo de puta!“ und „jue, puta, maje!“. In der Pause dann die grosse Diskussion, wer Pizza holen geht, weil es ja sein könnte, dass man fünf Minuten vom Spiel verpasst. Aber weil ja doch nur jemand ein Auto hatte, war die Diskussion nach nur fünf Minuten beendet!

Das schönste am Kuchenbacken...!
Das schönste am Kuchenbacken…!

Das weitaus grössere Highlight für mich war der gestrige Tag, als ich gemeinsam mit Jorge Kuchen backte. Ich habe schon so lange nicht mehr gebacken, dass ich mich wie ein kleines Kind am Weihnachtstag fühlte, als ich Milch und Mehl verrührte. Hierzu ein kleiner Nebengedanke:
Warum ich zugenommen habe: Backte mit Jorge einen Schokoladenkuchen, wir assen den ganzen Kuchen. Kochten dazwischen Reis und Fleisch, tranken Cola dazu. Wälzten uns den restlichen Nachmittag auf dem Bett vor einem Film, in dem George Clooney im ersten Drittel stirbt und Sandra Bullock danach die einzige Schauspielerin ist, die vorkommt. Meine freien Tage gleichen sich wie ein Chinese einem andern!

Nach all der Arbeit (auch die meines Verdauungssystems, jawohl!) der vergangenen Woche, ändert sich nichts an der Tatsache, dass diese Woche für mich mit einem Haufen Spott beginnt.

Weshalb mich die Honduraner auslachen, go!

  1. Begrüssung am Morgen: „Hola, mi amor – miren que gordiiita!“ – „Hallo, Liebes – Schaut her, wie diiick sie ist!
  2. Da ich anstatt „copiado“ anscheinend meine ganze Koordination hindurch „copiaro“ ins Funkgerät gesprochen habe, antworten mir alle nur noch ausschliesslich mit „copiaro, Gringa!“
  3. „Noemí, bist du sicher, dass du kochen kannst?“ — weil ich ja schliesslich nicht wissen konnte, dass man hier den Reis vor dem Kochen waschen muss!
  4. „Noemí, wo trafen wir uns gestern?“ – „En el RedondEL!“ – „Beim Kreisverkehr.“ Machte für mich überhaupt keinen Sinn, dass die Betonung auf der letzten Silbe liegt!
  5. „Estás enchanchimbara, Suiza?“ – „Bist du wütend, Schweizerin?“ Weil ich scheinbar auch in diesem Fall „d“ durch „r“ ersetze. Ich wusste nicht, dass das überhaupt geht!
(v.l.n.r. Jorge, Mariam, ich & Carlos)
(v.l.n.r. Jorge, Mariam, ich & Carlos)

Bei alledem darf ich aber nicht vergessen zu erwähnen, dass ich genauso böse bin und bei den „Anomalias“ (ausgefallene Glühbirnen, kaputte Spiele…) für die verschiedenen Räume „Negro“ auf die Liste setzte, um Carlos zu ärgern.

Letztlich hat Reinhard Mey eben doch recht, wenn er sagt: „Wir sind alles lauter arme, kleine Würstchen // Unter lauter andern armen, kleinen Würstchen!“ Aber gemeinsam ist dieses Los nicht so schwer zu ertragen, und ich kann dazu nur sagen: „Copiaro!“

Tag 140 — Für alle Fälle

„It‘s okay, because I know you shine even on a rainy day!“
James Blunt

„Wenn du das liest, steckst du vermutlich gerade in einer kleinen Krise.“ – Mit diesen Worten beginnt eines der wohlüberlegtesten Abschiedsgeschenke, die mir mit auf meine Reise ins „gefährlichste Land der Welt“ gegeben worden sind, der Notfallbrief. Und der funktioniert so: Im Falle eines Notfalls wird der Brief geöffnet und die Krise vermindert (wir sprechen hier von einem emotionalem Tief, nicht dem Ausbruch eines Bürgerkriegs!). In diesem Fall enthält besagter Brief Antworten von James Blunt auf Lästerkommentare zu seiner Person im Internet (da Lachen ja stets die beste Medizin ist). Mein persönlicher Favorit: „I love James Blunt as much as I love herpes!“ – „I love that you‘re not ashamed to admit that you have both!“ („Ich liebe James Blunt genauso sehr wie Herpes!“ – „Ich finde es toll, ist es dir nicht peinlich, zuzugeben, dass du beides hast!“)
Hat der Brief seinen Zweck erfüllt? Nun…
Die Worte, „Im Notfall aufreissen“, auf dem Umschlag haben mich lange zögern lassen. Was ist ein Notfall? Dass ich keine Schokolade mehr habe, ist ziemlich ungemütlich, aber andere Volunteers mussten zusehen, wie Lastwagenfahrer erschossen wurden. Ich wollte den Brief auf keinen Fall an eine nichtige Krise verschwenden. Wer wurde also ermordet,  dass ich den Brief doch aufgerissen habe? Niemand; ich war bei der Arbeit, es fing an zu regnen und ich dachte instinktiv: „Shit, mein Fahrrad!“ Dann fiel mir ein, ich habe ja gar kein Fahrrad, ich nehme immer den Bus! Und da vermisste ich mein Fahrrad und die Freiheit, die es für mich bedeutet.
Die Wahrheit ist eben, dass die Sonne auf mein Leben scheint. Meine Tage hier sind in etwa so wie die Fertigmachlasagne aus der MIGROS: Sie sind gut, und wenn sie schlecht sind, sind sie immer noch ziemlich gut!

Gelungenes Fussballspiel mit den Chimis
Gelungenes Fussballspiel mit den Chimis
Turno A (v.l.n.r. Vicky, Lesby, Viviani, ich, Mili, Linda, Kely)
Turno A (v.l.n.r. Vicky, Lesby, Viviani, ich, Mili, Linda, Kely)

Vor zwei Wochen war ein weiteres Chiminike-Fussballturnier angesagt. Diesmal zwischen den Frauen. Besonders die Männer gaben dem Spiel ungeheure Bedeutung; mit Plakaten rannten sie wie die Wilden singend und johlend dem Spielfeld entlang und waren sofort mit Wasser zur Stelle, wenn eine von uns nach Luft schnappte – Fussball hat hier eben wirklich religiösen Status!

Vor der Kirche Los Dolores (v.l.n.r. Solany, ich, Kely, Fernando & Alexis)
Vor der Kirche Los Dolores (v.l.n.r. Solany, ich, Kely, Fernando & Alexis)

Am vergangenen Montag war wieder einmal Baleada-Tag. Zugegeben, fast jeder Tag hier ist Baleada-Tag für mich, weswegen ich mittlerweile auch Mühe habe, meine Hosen zu schliessen. Das geht inzwischen so weit, dass mich die Leute im Projekt „Gordita“ (Dickerchen) nennen!DSC05758
Die angeblich besten Baleadas in Tegucigalpa gibt es bei „Baleadas Lourdes“, gleich neben der Kirche Los Dolores. Und sie waren wirklich, wirklich gut! Wir verbrachten den Rest des Nachmittags mit Taubenverscheuchen auf dem Vorplatz der Kirche und fanden schliesslich ein kleines Künstlercafé, „El Paradiso“. Da hat man auf der einen Seite den ganzen Schmutz, die Bettler und grellen Fast-Food-Ketten, auf der anderen kommt man aber plötzlich an kleinen Bücherläden und gemütlichen Cafés vorbei, und irgendwie macht das den ganzen Ort ein klein wenig besser.

Puppentheater mit Milovan und Jorge
Puppentheater mit Milovan und Jorge
Yanina schmückt Roberto für das Theaterstück
Yanina schmückt Roberto für das Theaterstück

Die Arbeit im Museum ist nach wie vor „tranquilo“, wie man hier zu pflegen sagt. Die ganze letzte Woche durfte ich koordinieren, und ich muss sagen, ich mag es, befehlen zu können! Okay, vielleicht nicht so sehr das Befehlen und mehr das ständige in Bewegungsein.
Den ganzen vergangenen Monat über führten wir ein Schattentheater zu „El Arbol Generoso“ („Der Baum, der sich nicht lumpen liess“) auf. Die Geschichte handelt von der Freundschaft eines Jungen zu einem Baum, der von seinen Äpfeln bis hin zu seinem Stamm alles für den Jungen aufgibt. Den Kindern soll damit die Bedeutung der Bäume und unserer Umwelt allgemein fassbarer gemacht werden. Umweltschutz ist in Honduras ein fremdes Konzept, was mitunter mit der fehlenden Bildung zu tun hat.

...das Theater von hinten betrachtet!
…das Theater von hinten betrachtet!

Und hat der Notfall-Brief nun seinen Zweck erfüllt? Vielleicht. Letztlich spielt es gar keine Rolle, was genau in diesem Brief steht. Viel wichtiger ist es, zu wissen, dass es Menschen gibt, die an einen denken, die sich die Mühe machen, solche Briefe zu schreiben, die sich wünschen, dass es einem gut geht. Und vielleicht sind diese Freunde der wahre Grund, weshalb mein Fahrrad Notfall genug war, um den Brief zu öffnen.

Tag 120 — Geschichte schreiben

We‘re all stories in the end. Just make it a good one, eh? Doctor Who

Holaaaa Jorgitoo! Frühmorgens in Chiminike
Holaaaa Jorgitoo! Frühmorgens in Chiminike.
Gruppenspiel am Mittag
Gruppenspiel am Mittag

Es ist einfach, den Wert eines Augenblickes zu vergessen, bevor er zu einer Erinnerung geworden ist. Letztlich sind wir nur das: Erinnerungen. Eine Geschichte. Ein Witz. Und manchmal sind wir so beschäftigt damit, glücklich zu sein, dass es uns entgeht, den Moment festzuhalten. Denn Momente gehen schmetterlingsflügelzart vorbei, und dass wir sie nicht einfangen und behalten und noch einmal leben können, ist das Schönste und Traurigste, das es gibt. Wir können uns weder den Anfang noch das Ende unserer Geschichte aussuchen, noch haben wir viel in der Mitte zu sagen, aber was wir unseren Erinnerungen geben können, ist die Farbe! Eine gute Geschichte soll sie aus ihrem Leben machen, sagt Doctor Who in „The Big Bang“ zu Amelia, als er sie verlässt – und das ist letztlich der einzige Ratschlag, dem es zu folgen gilt.

Die Siegermannschaft, Turno B
Die Siegermannschaft, Turno B
#Todossomosmacacos – Carlos feiert den Sieg mit einer Banane
#Todossomosmacacos – Carlos feiert den Sieg mit einer Banane

Mein Leben erscheint mir manchmal wie ein Bild, das aus Action Painting entstanden ist: Intensiv und kraftvoll, ohne richtige Struktur und dessen Sinn noch zu interpretieren ist.
Der wohl intensivste Teil meines Lebens hier in Honduras ist meine Arbeit im Museum. Es gibt Tage, an denen ich abends keine Stimme mehr habe vor lauter singen und Bäume und Nasenlöcher erklären. Aber Chiminike ist wirklich eine Familie und nach der Arbeit ist meistens noch lange nicht Zeit, nach Hause zu gehen. Am vergangenen Freitag veranstalteten wir ein Fussballspiel zwischen den Männern der Morgengruppe (Turno A) und jenen der Nachmittaggruppe (Turno B). Fussball ist hier das wichtigste überhaupt (was man nicht unbedingt hätte meinen können, wenn man diesen jungen Männern beim selber Spielen zusah). Den grössten Spass hatten wir vermutlich beim Zusehen und Anfeuern – „Yo si me voy me voy con mi B!“ war eines der zunächst originelleren Liedchen, bis wir schliesslich bei den Kinderliedern vom Museum landeten!

v.l.n.r. ich, Linda, Sloany & Kely vor der Basilika Suyapa
v.l.n.r. ich, Linda, Sloany & Kely vor der Basilika Suyapa
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Die Basilika Suyapa

Ausserhalb des Museums bin ich fleissig meine To-Do-Liste am Abarbeiten. Letzte Woche besuchten wir die Basilika Suyapa, die gleich hinter meinem Haus steht. Nur in Honduras, scheint es mir, sagt der Sigrist kein Wort, wenn vier Mädchen durch eine Kathedrale rennen und Hüpfphotos von sich machen. Aber so ist Honduras – als wir danach einen Bus zur Universität nahmen, um essen zu gehen, entdeckten wir Jorge, der uns bei der Kirche hatte treffen wollen, aber wie immer zu spät kam; auf unser Kreischen hin, fuhr der Bus gute fünfzig Meter im Rückwärtsgang, um ihn aufzulesen!

v.l.n.r. Alma, Kely, Mariel, ich, Vicky, Sloany, Linda & Milovan
v.l.n.r. Alma, Kely, Mariel, ich, Vicky, Sloany, Linda & Milovan
"Seht her, La Suiza macht Tortillas!"
„Seht her, La Suiza macht Tortillas!“

Diese Woche haben wir bei mir zu Hause gestartet und Baleadas gemacht – ein Fladenbrot, gefüllt mit Frijoles (Bohnen), Rührei und Avocado. Es ist mein absolutes Lieblingsessen hier in Honduras. Ebenfalls nur hier in Honduras gelingt es, von einem Abendessen mit Freunden über zweihundert Photos zu machen!

Das Leben ist eine Geschichte, und so wie  ich das sehe, verschwenden wir zu viel Zeit damit, nach einem roten Faden zu suchen. Das Leben ist keine Linie, der wir zu folgen brauchen, es ist tausend kleine Momente, in denen wir lachen und weinen, die uns zum Staunen bringen oder wütend machen. Leben ist fühlen, was echt ist.

Eine fertige Baleada mit allem, was dazugehört!
Eine fertige Baleada mit allem, was dazugehört!

Und das ist Honduras für mich. Mit den Fingern essen, Milovans Umarmungen (weil er sich fast auf die Zehenspitzen stellen muss, um grösser zu sein als ich), die Abende mit der Haushälterin, wenn sie mir die Seifenopern beschreibt und ich ihr von meinem Tag erzähle, Sloanys Witze, die nicht witzig sind… Augenblicke wie ein Schmetterling auf der Flucht vor dem Winter – und das ist es, was sie so unglaublich kostbar macht.

Tag 105 — „Such dir ein Leben!“

Ich habe mittlerweile einen Zustand erreicht, in dem jeder Satz nur noch in Kindersprache aus mir herauskommt: „Heute schien die Sonne. Es war sehr heiss. Ich bin müde.“
Es ist die heisseste Woche des Jahres bisher und die Hitze hat meinen Verstand eindeutig etwas angebraten. Bereits um acht Uhr morgens läuft mir der Schweiss über das Gesicht, und wenn ich um halb sieben nach Hause komme, kann ich mich nur noch bewusstlos auf mein Bett fallen lassen. Nebst der Hitze kommen natürlich die intensive Arbeit und die zahlreichen Eindrücke dazu, die die letzte Woche für mich geprägt haben.

Milovan zeigt, wie man Papier recycelt
Milovan zeigt, wie man Papier recycelt
Kann man den Schmutz wirklich aus den Ozeanen entfernen?
Kann man den Schmutz wirklich aus den Ozeanen fischen?

Am Mittwoch besuchte ich mit einer kleinen Chiminike-Delegation die „Escuela Americana“, wo Botschafter und andere Oberreiche ihre Kinder hinschicken. Anlass dazu war der Welttag der Erde; an fünf verschiedenen Posten erklärten wir die Notwendigkeit von Umweltschutz, wie Recycling funktioniert und warum man die Meere vor Kontamination schützen muss. Die Umweltverschmutzung kriegt man hier im Augenblick deutlich zu spüren. Der Himmel ist ständig grau und verdunstet, viele Leute sind krank geworden. Trotzdem sieht man an jeder Ecke, wie Abfall verbrannt wird oder wie er achtlos aus den Autofenstern geworfen wird – Umweltschutz ist ein völliges Fremdwort hier.

Sloany und ich freuen uns mit Alonso über sein neues Lebensjahr!
Sloany und ich freuen uns mit Alonso über sein neues Lebensjahr!
Alle wollten sie ihre Liebe zum Ausdruck bringen!
Alle wollten sie ihre Liebe zum Ausdruck bringen!

Zum Glück gibt es aber auch Schönes zu berichten. Kürzlich war zum Beispiel der Geburtstag meines Chefs, Alonso. Am Freitag organisierten wir für ihn ein Überraschungsmittagessen, wofür ich am Freitagmorgen schwänzen musste („Disculpe, soy suiza!“), um mit Linda Tacos zu machen. Alonso ist einer der wundervollsten Menschen, die ich hier in Honduras kennengelernt habe. Er hat einen unglaublichen Humor (er ist es, der mir alle wüsten Wörter beigebracht hat, nicht Hansell, der sie braucht!) und ist für sämtliche Chimis eine wichtige Vaterfigur. Als Mariam vor einigen Wochen zu Unrecht von einer Chefin blossgestellt wurde, verbrachte er seine Mittagspause bei uns im Gemeinschaftsraum, um sich ihre Seite anzuhören.

v.l.n.r. Jorge, ich, Fátima, Carlos, Mariam & Alex
v.l.n.r. Jorge, ich, Fátima, Carlos, Mariam & Alex

Als er am Freitag schnallte, dass ich gar nicht Magenschmerzen hatte, wie ich vorgeschwindelt hatte, um kochen zu können, kam natürlich sofort die Rache: Am Samstag musste ich koordinieren. Der Koordinator wird jede Woche gewechselt. Seine Aufgabe ist es, einen Plan für die Gruppen aufzustellen, die kommen und dafür zu sorgen, dass in jedem Raum immer ein „Guía Educativo“ ist. Am Samstag zum Beispiel stellte sich das Problem, dass die Hälfte der „Guías“ im Theaterstück mitspielte, das jedes Wochenende aufgeführt wird und mir während zwei Stunden weniger „Guías“ als Räume blieben! Ich war bereits mehr oder weniger ohnmächtig, als mich Roberto, der mit mir arbeitet, an dem Abend nach Hause fuhr. Aber es war ein gelungener Tag, und ich stellte fest, dass ich es wirklich mag, Verantwortung zu haben (auch wenn ich alle zehn Minuten durch das Funkgerät auf „Adelante Coordinadora?“ antworten muss).

Marionetten-Workshop in Chiminike
Marionetten-Workshop in Chiminike
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Besuch der Universität

Ich war so zufrieden (und zugegebenermassen gelangweilt), dass ich am Sonntag gleich wieder arbeiten ging. „Buscáte una vida, Noemí! — „Such dir ein Leben, Noemí!“, war Mariams Begrüssung auf mein Erscheinen. Das war schliesslich das Stichwort für die Chimis, mit mir eine To-Do-Liste anzufertigen, die all die Dinge beinhaltet, die ich in der Zeit, die mir verbleibt, noch tun muss. Punkt sechs habe ich gleich heute abgehakt: Jorge holte mich heute Morgen von zu Hause ab, um mir die UNAH (Universidad Nacional Autónoma de Honduras) zu zeigen. Ich erhielt eine ausführliche Tour durch den botanischen Garten, sah Krokodile und werde in meinem Leben nie Mathematik studieren! Als weiteres Fazit kann ich nur sagen, dass die Schweiz in dem Areal Platz hätte (das ist keine Universität, das ist ein Shoppingcenter!).

Nach hundertfünf Tagen bin ich trotz Sonnenbrand, Mückenstichen und konstant schmerzenden Füssen von der Arbeit völlig verliebt in dieses Land!

Tag 97 — 90 Tage mehr

Vor dreieinhalb Wochen erhielt ich eine SMS von einer unbekannten Nummer, die lautete: Fuck, dude, we need to go to fucking Belize next week!

Tryg geniesst die Sonne auf San Fernando
Tryg geniesst die Sonne auf San Fernando

Diese präzise Wortwahl liess keinen Zweifel offen, dass es sich hierbei nur um meinen isländischen Freund, Tryggvi, handeln konnte. Sein Wunsch, so plötzlich mit mir nach Belize durchzubrennen, hatte allerdings wenig mit dem Bedürfnis nach Zweisamkeit und Karibik zu tun und mehr mit der Erneuerung unseres Visums. Da Honduras keine Studentenvisen ausstellt, sind wir nur mit einem Touristenvisum ausgestattet, das nach drei Monaten erneuert werden muss. Dazu müssen wir neu ins Land einreisen – vorausgesetzt, wir haben Zentralamerika davor ganz verlassen!

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Zum Glück aber muss man in diesem Teil der Welt nichts vorausplanen! Wir hatten uns für eine Route entschieden, und am Samstagmorgen ging es los. Um halb sieben Uhr Morgens nahmen wir den Bus nach San Pedro Sula, eine Industriestadt im Norden Honduras‘. Von dort brachte uns ein Minivan nach Puerto Cortes, wo wir in einen alten Schulbus umstiegen, der uns am frühen Nachmittag in Omoa absetzte, wo wir die Nacht verbringen wollten. Omoa ist ein kleines Städtchen an der Karibikküste Honduras‘, und wir nutzten die Zeit, um die alte Befestigungsanlage, San Fernando de Omoa, zu besichtigen, die von den spanischen Einwanderern als  Schutz gegen die brandschatzenden Piraten gebaut worden war.

Tryg mischte Punta Gorda ein wenig auf
Tryg mischte Punta Gorda ein wenig auf

Früh am Sonntagmorgen machten wir uns auf den Weg zur Grenze von Guatemala, wo uns ein kleiner Bus erwartete, der uns nach Puerto Barrios brachte. Von dort nahmen wir schliesslich ein Wassertaxi nach Punta Gorda und erreichten das Städtchen nach dem Mittag. Der Plan war, vier Nächte zu bleiben, die Tage am Strand zu verbringen und braun zu werden, aber der Kulturschock wiegte schwer: der Ort war vollkommen ausgestorben, nichts war geöffnet, Strände gab es keine, und unser Hotelzimmer glich einer Gefängniszelle. Frustriert sassen wir am Ufer und hatten schon fast beschlossen, nach Honduras zurückzukehren, als wir zwei Engländer kennenlernten, die uns vorschlugen, mit ihnen nach Placencia zu reisen. An diesem Abend fanden wir eine von pensionierten Kanadiern belebte Bar, die hier ihre innere Jugend auslebten, was Punta Gorda schliesslich doch noch ein wenig Ambiente verlieh.

Strand in Placencia
Strand in Placencia
Da lebten die Piraten den Karibik!
Da lebten die Piraten den Karibik!

Placencia war absolut wundervoll. Wir ernährten uns eine Woche lang nur von Pommes Frites und Hamburgern, lagen im weissen Sand und sprachen über Harry Potter. Was interessant war, war auch, von unserem Leben in Honduras zu berichten. Die wohl populärste Frage ist: „Ist es nicht echt krass, dort zu leben?!“ Ich antworte darauf immer sehr gelassen, dass es nicht so schlimm ist, wie man glaubt, dass mir noch nie etwas passiert ist, dass ich mich mehr als sicher fühle, dass ich immer den Bus nehme… und dann beginnt Tryg zu erzählen, und es ist, als sprächen wir von zwei verschiedenen Ländern. Er berichtet von Strassen in der Gegend, in der er wohnt, die nicht geteert sind, er schildert die Schüsse, die er nachts hört und erzählt, wie ein wilder Taxifahrer ihn mit einer Pistole gesucht hat. Das zeigt, wie stark die Kontraste in diesem Land sind, selbst innerhalb der gleichen Stadt!

Abend mit Kanadiern
Abend mit Kanadiern

Nach einer zweitätigen Heimreise, kamen wir am Freitagabend schliesslich in Tegucigalpa an. Ich war vollkommen glücklich, wieder in meinem Bus im Stau zu sitzen, den Dreck zu sehen und mich über den Lärm aufzuregen. Man gewöhnt sich eben an Orte und plötzlich hat man sie lieb.

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Zurück in der Chimi-Familie -- Hansell und Viviani erklären ein Spiel
Zurück in der Chimi-Familie — Hansell und Viviani erklären ein Spiel

Am Samstag hatte ich zunächst vor, auszuschlafen, entschied dann aber, den Tag in Chiminike zu verbringen und Moleküle zu erklären. Tryg konnte dazu nur die Augen verdrehen („Das ist eine Sekte!“), besonders weil ich an dem Abend natürlich völlig übermüdet und nicht imstande, irgendetwas zu unternehmen, war!

Die Karwoche verbrachte ich mit meiner Gastfamilie im Ferienhaus in Zambrano, wenig ausserhalb von Tegucigalpa. Nach der aufwändigen Belize-Reise war das der perfekte Urlaub. Ich verbrachte viel Zeit mit Samantha, meiner Gastschwester – wir gingen ins Kino (abgesehen von Chris Evans‘ umwerfender Schönheit ist „Captain America 2“ nicht weiterzuempfehlen), zum Friseur (zehn Minuten für meinen Haarschnitt, und mich reut das Geld nicht mehr, das ich in der Schweiz bezahlen muss), ins Nagelstudio (extrem wichtig), spielten Ping Pong und trieben als Wasserleichen im Pool herum. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, absolut nichts für mein Glück tun zu müssen – nicht selber zu putzen, zu kochen oder auch nur den Teller aus dem Schrank zu holen!

Das Ferienhaus meiner Gastfamilie in Zambrano
Das Ferienhaus meiner Gastfamilie in Zambrano
Samantha vertreibt sich die Zeit mit Fussball
Samantha vertreibt sich die Zeit mit Fussball

Inzwischen sind wir wieder in Tegucigalpa, nachdem Samantha gestern ihr dringendes Bedürfnis nach Internet und Handy-Verbindung zum Ausdruck gebracht hat („Tengo que comunicarme!“) – wofür ich eigentlich auch dankbar bin, da ich meinen Schokolade-Cornflakes nun wieder ganz nahe bin!

Es ist ein gutes Leben mit den Catrachos, wie sich die Honduraner selber nennen! In dem Sinne wünsche ich euch frohe Ostern und teile ein Gedicht von Shel Silverstein mit euch, damit ihr auch etwas zum Grinsen habt:

„A genuine ant eater,“
The pet man told my dad.
Turned out, it was an aunt eater,
And now my uncle‘s mad!

Tag 79 — !Dios Mío!

Es ist wohl die grösste Diskussion in der Geschichte der Menschheit: Gibt es einen Gott?! Während in unserer europäischen Gesellschaft der Glaube eine Nebenrolle spielt, so ist die Religion in Honduras ein grosses Thema und für viele Leute ein Muss. „Jesús es amor“ heisst es auf allen Bussen und Wänden und in jeden Haushalt gehört eine Maria. Dieser Kontrast zwischen der Schweiz und Honduras ist im Prinzip die Weltanschauung vieler: Es gibt die Atheisten und die Extremisten und dazwischen gähnende Leere. Zuzugeben, dass man an Gott glaubt, heisst, in eine Schublade gesteckt zu werden, in der man zwischen jedem Atemzug betet, Harry Potter den Teufel verkörpert und Schokolade dick macht (wie, die macht das überall?)! Atheisten sind die Hipster, die liberal denkenden, jene, die es geschafft haben, sich zu emanzipieren und die es nicht nötig haben, an eine höhere Macht zu glauben. Wo da genau das freie Denken bleibt, ist ein Mysterium, denn der Atheismus ist mittlerweile zum Mainstream geworden – kurz, ein überzeugter Atheist ist in der Regel schneller überzeugt als ein gläubiger Christ. Es bleibt gerne unerwähnt, dass es auf beiden Seiten hartnäckige Extremisten gibt.

"Yo yo sacudía sacudía sacudía!" Alma leitet eine Dinámica an
„Y yo sacudía sacudía sacudía!“ Alma leitet eine Dinámica an

In Chiminike zum Beispiel wird jeden Tag zusammen gebetet. So beginnt der Tag und so endet er. Als ich dies erzählte, fielen die Reaktionen aus allen Wolken. „…sag einfach, du willst nicht…!“ – „…was ist denn das für eine Sekte…?!“ Okay, wahrscheinlich wäre das bei uns nicht möglich, und das macht es ein wenig befremdend. Aber können wir nicht einfach akzeptieren, dass es wundervoll ist, dass junge Menschen Vertrauen in etwas Gutes haben und daraus Kraft schöpfen können? Um kein Extemist zu sein, wird von einem religiösen Menschen erwartet, dass er seinen Glauben weder erwähnt noch lebt. Entschuldige, aber gelten für Atheisten nicht dieselben Regeln? Letztlich ist der Atheismus doch genauso eine Überzeugung wie es der christliche oder islamische Glaube ist. Nur weil er sozial höher angesehen ist, ist er nicht richtiger. Und dann die Frage: Ist es denn so schrecklich, dankbar zu sein?

Alexis begeistert die Kinder mit dem "Lorax"
Alexis begeistert die Kinder mit dem „Lorax“

Die Frage nach Gott ist letztlich völlig lächerlich und längst nicht von solcher Bedeutung wie die Frage, welchen Sinn wir unserem Leben geben. Niemand bringt dies besser auf den Punkt als der Schriftsteller John Green:

„Stell dir vor, du erwachst mitten in der Nacht und dein Haus ist voller Rauch, und du hörst eine unsichtbare Stimme, die ruft: „Dein Haus brennt!“ In dieser Situation fände ich es völlig uninteressant, darüber zu diskutieren, woher die Stimme kommt und wie sie in mein Haus gekommen ist, und ob es Gott oder ein Feuerwehrmann war. Ich würde einfach, na ja, verschwinden!
Kurz gesagt, die blosse Existenz Gottes zu erörtern, ist, für mich zumindest, eine Art, die tiefere und absolut umwerfende Frage zu umgehen, wie wir dem menschlichen Leben einen Sinn geben können. Ich glaube, das ist ganz generell die Bedeutung von Religion. Religion ist notwendigerweise eine Antwort auf Offenbarung. Und diese Offenbarung ruft uns fast immer dazu auf, Bedeutung zu begrüssen oder, wenn diese nicht immanent vorhanden ist, Bedeutung zu schaffen. Aber das stimmt auch für atheistischen Humanismus – wir alle stehen vor derselben Frage: Was tun wir mit unserem Bewusstsein?“

Alexis, Viviani & Milovan studieren das Schattentheater zum Rotkappchen ein...
Alexis, Viviani & Milovan studieren das Schattentheater zum Rotkappchen ein…
...und das Theater im Endprodukt!
…und das Theater im Endprodukt!

Honduras ist ein Land, in dem unglaubliche Toleranz nötig, aber seitens der Kirchen oft  nicht vorhanden ist. Den Gottesdienst hier zu besuchen ist eine befremdende Angelegenheit, die Predigt wird gebrüllt und das ganze besteht aus etlichen Ritualen und lautem Gesang. Aber Toleranz heisst nicht nur, dass niemandem mit Gewalt der Gottesglaube aufgedrängt wird, es bedeutet auch, dass niemandem dieser Glaube verboten wird. Was letztlich zählt, ist nicht der Glaube an das Gute oder an das Böse oder an das Nichts; was zählt, sind die Taten, zu denen uns dieser Glaube antreibt. Wie viele Leute wir jeden Tag zum Lächeln bringen wiegt mehr als wie viele Gebete wir täglich sprechen. Amen!

Nachwort: Nicht, dass die Bilder irgendetwas mit dem Text zu tun haben! Ihr sollt aber wissen, dass ich vergangene Woche nicht ausschliesslich damit verbracht habe, mich über hartnäckige Atheisten zu ärgern (kaum eigentlich)! ;)

Tag 70 — Warmduscher

Eine der meiner Meinung nach absurdesten Beleidigungen ist „Warmduscher“; ich habe noch nie nachvollziehen können, was falsch daran ist, warmes Wasser zu mögen, und wie man das jemandem zum Vorwurf machen kann! Hier also mein Outing: Ich bin ein Warmduscher!

Gruppenaktivität am Mittag (v.l.n.r Mili, Kelly, Alexis, Yanina & Hansell)
Gruppenaktivität am Mittag (v.l.n.r Mili, Kelly, Alexis, Yanina & Hansell)
v.l.n.r. Ricardo, Miria, Bernard, ich & Jorge
v.l.n.r. Ricardo, Miria, Bernard, ich & Jorge

Aber der Reihe nach: Ich habe eine intensive und ereignisreiche Woche hinter mir, in der täglich zwischen drei- und siebenhundert Kinder das Museum besuchten, ich und sämtliche Mitarbeiter krank waren und wir kurzfristig ein Theaterstück zum Welttag des Wassers einstudierten (Wasser! – Da sind wir doch gleich wieder beim Thema!). Das Theater handelte von einem verzauberten Brunnen und sollte die Wichtigkeit des Wassers betonen. Gerade in Honduras, wo Recycling ein Fremdwort ist, können die Leute gar nicht genug darauf aufmerksam gemacht werden. Ich spielte natürlich nicht die vergiftete Prinzessin, die nur durch einen Kuss der Liebe wieder zum Leben erweckt werden konnte, sondern einen Zombie – Alonso, mein Chef, befand nämlich, ich bräuchte dafür auch gar kein Make-Up!
DSC04527Stellte sich nur das Problem, dass ich tanzen musste und das Rhythmusgefühl einer schwindligen alten Schnapsdrossel habe. Zum Glück bin ich aber auch als Zombie noch süss und mir wurde schnell vergeben, dass ich im Hintergrund zappelte und therapeutische Gestalten machte!
Sehr genial war aber die politische Botschaft, die Chiminike mit diesem Projekt vertrat: als der Hofnarr sich zum Führer des Volkes machen will, ruft er laut: „Voy a hacer lo que tenga que hacer!“ – „Ich werde tun, was ich tun muss!“ Diesen tollen Wahlspruch nützte schliesslich nicht nur dem Narren, sondern im vergangenen November auch Honduras‘ neuem Präsidenten, Juan Orlando!

v.l.n.r. Milovan, Bernard, Lesby, Maynor & ich
v.l.n.r. Milovan, Bernard, Lesby, Maynor & ich
Meine Gastfamilie
Meine Gastfamilie

Am Mittwoch beschloss meine Gastfamilie kurzfristig, das Wochenende in Copán zu verbringen, wo die Maya-Ruinen stehen. Die Reise dauerte gut sieben Stunden, exklusive Rast. Ich war absolut entzückt vom kolonialen Stil des Städtchen und von den Grünflächen, die es im trockenen Tegucigalpa schlicht nicht gibt. Die Ruinen selbst sind natürlich unbeschreiblich. Es ist so leicht, sich vorzustellen, wie hier einst gelebt wurde…! Und dann bleibt der Gedanke hängen, dass diese Kultur uns weit überlegen war und dennoch ein jähes Ende fand – sei es nun durch die Zeit oder die Menschheit, es steht eben nichts für die Ewigkeit. Man fühlt sich ganz klein vor diesen Tempeln, wenn man sich das alles in Erinnerung ruft!

Maya-Tempel in Copán
Maya-Tempel in Copán
Samantha & ich
Samantha & ich

Als ich am Sonntagmorgen vor der Abreise duschen wollte, musste ich natürlich feststellen, dass Copán (richtig: ganz Copán!) weder warmes Wasser noch Elektrizität hatte. Wer einmal im Dunkeln kalt geduscht hat, weiss ein Schloss, wie ich es in Tegucigalpa habe, doch unglaublich zu schätzen (auch wenn das Wasser hier ebenfalls nur zögernd warm wird)!

Wilder Papagei
Wilder Papagei

Es war eben ein typisch honduranischer Ausflug – das Mittagessen am Samstag dauerte vier Stunden, zum Frühstück am Sonntag gab es erst Zuckerwatte und dann Pupusas und die Stadt wurde ausschliesslich im Auto besichtigt.

Heute ist für mich ein besonders wichtiger Tag: ich fuhr zum ersten Mal alleine in die Stadt und zurück, ohne mich zu verirren oder ausgeraubt zu werden! Wie gesagt, ich bin ein Warmduscher, erst recht, nachdem mir die Chimis letzte Woche beim Essen genüsslich schilderten, wie sie bereits ausgeraubt wurden. „…und dann hat er mir die Pistole hierhin gehalten und gesagt…!“ – „Das ist noch gar nichts, bei mir kam einer mit einer Machete und…!“ Hansell und Alex versuchten mich schliesslich zu beschwichtigen, indem sie mir sagten, das wären ja nur Anekdoten, und überhaupt, ich wisse gar nicht, was ein Adrenalinrausch sei, bis mir jemand ein Messer an die Kehle gehalten hat!

Auf der Rückfahrt von Copán kamen wir an Amerikas ältester Uhr in Comayagua vorbei
Auf der Rückfahrt von Copán kamen wir an Amerikas ältester Uhr in Comayagua vorbei

Ich denke, auf diesen Adrenalinrausch kann ich getrost verzichten! Angst habe ich aber nach wie vor keine. Ich bin selten alleine unterwegs und wenn, dann nur auf kurzen Strecken. Sorgen mache ich mir ernsthaft mehr darum, meine Haltestelle zu verpassen!

Ja, ich bin ein Warmduscher, ich werde nie in einer rebellischen Phase nachts alleine durch die Gegend ziehen oder eine Gucci-Handtasche im Bus präsentieren, damit auch ja alle sehen, dass ich reich bin (besonders da ich diesige nicht besitze). Ein Warmduscher zu sein, ist wirklich keine Beleidigung, denn so, wie ich das sehe, sind es die Warmduscher, die wissen, wie sich kaltes Wasser anfühlt und darum beschlossen haben, dass es warm viel angenehmer ist!

Tag 59 — „Und wie gefallen dir die Honduraner?!“

„Suiza es un país feo, Noemí!“ – „Die Schweiz ist ein hässliches Land, Noemí!“ Weil ich in drei Monaten und achtundzwanzig Tagen wieder abreisen muss, gab mir Carlos aus meinem Projekt gestern vier gute Gründe, weshalb Honduras sehr viel schöner ist als die Schweiz. Ihr werdet verstehen!

  1. In der Schweiz sind alle Strassen sauber. Dabei ist es viel aufregender, wenn man den Müll sehen kann, den die Leute aus den Autofenstern werfen!

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    Typisches Strassenbild in Tegucigalpa (© by Victoria Särnhult)
  2. Bei uns sind sogar die Flüsse so sauber, dass man in ihnen schwimmen kann. Was für Sauberkeitsfanatiker die Schweizer doch sind!
  3. Die Schweiz ist sicher. In Honduras hingegen ist jede Busfahrt ein Abenteuer. Vielleicht raubt mich jemand aus, vielleicht nicht – hach, der Adrenalinrausch!
  4. In der Schweiz dauert es lange, den Partner fürs Leben zu finden. Man muss miteinander reden und sich kennenlernen und dann ist man auf einen Menschen beschränkt. Hier reicht meine weisse Hautfarbe und ein bisschen „Movimiento Elemental“, und ich habe gleich drei auf einmal!

Von einer ernsteren Seite betrachtet, sind das vier eher tragische Faktoren, die ein Land ausmachen. Aber so ist die Taktik der meisten Honduraner, man kommt mit viel Witz und Ironie darüber hinweg. Einerseits darf man ja nicht in Gleichgültigkeit versinken angesichts der schwierigen Situation, andererseits muss man aber auch lernen, damit zu leben.
Und nur, um das festzuhalten, ich habe weder einen noch drei Freunde hier in Honduras!

Mit den Kindern von N.P.H.
Mit den Kindern von N.P.H.
Eine Busfahrt, die ist lustig... (v.l.n.r. Militza, Alonso, Jorge, ich, Victoria)
Eine Busfahrt, die ist lustig… (v.l.n.r. Militza, Alonso, Jorge, ich, Victoria)

Am Montag besuchte ich mit Chiminike das Kinderheim N.P.H. („Nuestros Pequeños Hermanos“). Es war bereichernd zu sehen, dass es auch in Honduras solch gute Einrichtungen gibt, die Kindern und Jugendlichen eine gute Zukunft ermöglichen.

Honduraner können sich auch in Bussen, die die Geschwindigkeitsbegrenzung längstens überschreiten, nicht stillhalten!
Honduraner können sich auch in Bussen, die die Geschwindigkeitsbegrenzung längstens überschreiten, nicht stillhalten!

Nach einem langen Rundgang durch das Gelände (es ist riesig mit Werkstätten, Schule, Bibliothek, Gebetsräumen… und und und!) führten wir schliesslich kleine Theater auf, sangen Lieder und spielten mit den Kindern. Besonders die Theater sind von unglaublicher Bedeutung für die Kinder. Im „Cuenta Cuentos“, dem Märchen, entscheidet sich die Prinzessin gegen den eingebildeten Prinzen und für den tüchtigen Bäckerssohn, mit dem sie aber nicht in den Sonnenuntergang reitet, sondern an die Uni studieren geht. Der Schlüssel zu einer besseren Zukunft ist schliesslich Bildung, und bilden lässt sich nur, wer seine Bedeutung erkannt hat.

Der Prinzessin gefällt der schöne Prinz überhaupt nicht!
Der Prinzessin gefällt der schöne Prinz überhaupt nicht!
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Tamarindensaft im Beutel

Für mich war der Ausflug ausserdem interessant, weil ich zum ersten Mal mein Getränk in einem Plastikbeutel erhalten habe – beim Kauf! Das ist sehr normal hier, kein Strohhalm, einfach die Ecke abreissen und den Beutel im Mund behalten!

Am Dienstag folgte gleich der nächste volle Tag. Ich konnte mit den Verantwortlichen von HEKS Honduras (Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz) die Halbinsel Zacate Grande im Süden des Landes besuchen. Die Bauern, die das Land bewirtschaften, kriegen die Ausbeutung durch die Reichen deutlich zu spüren. Privatisierte Strände und Villen, die auf Maisfeldern gebaut werden, versperren den Zugang zu den wichtigsten Nahrungsmitteln, den Leuten wird so jegliche Existenz geraubt. Sich gegen die Grossgrundbesitzer zu wehren, bringt Verhaftungen und Morddrohungen mit sich (mehr Informationen: hier).

Typisches Haus auf Zacate Grande
Typisches Haus auf Zacate Grande
"Y cómo te parecen los Catrachos?!" – Mit Roxana am Strand
„Y cómo te parecen los Catrachos?!“ – Mit Roxana am Strand

Trotzdem war es aber einer der fröhlichsten Nachmittage, die ich hier in Honduras verbracht habe. Die Leute sind voller Energie im Kampf für ihr Land und freuten sich über meinen Besuch. Und wenn man mit ihnen redet, dann sind sie vor allem das: Menschen. Die junge Roxana, die sich vehement für die Rechte ihrer Leute einsetzt, war letztlich besonders daran interessiert, ob ich schon einen schönen Honduraner kennengelernt habe und wie es „Juanito con los ojos muy lindos“ geht, einem Schweizer Freund, den sie während ihrem Besuch in der Schweiz kennengelernt hat. Ein Mädchen bleibt eben immer ein Mädchen!
Als wir am späten Nachmittag Zacate Grande wieder verliessen, musste ich an ein Zitat von Hank Green denken, das an diesem Ort an unglaublicher Bedeutung gewonnen hat:

 „I‘m just trying to remember that the world is a good place and that the number of hugs per gun shot victim is very very high.“DSC04463

Ich denke, es lohnt sich, optimistisch zu bleiben. Auch wenn noch vieles zu tun ist, um eine gute Zukunft zu schaffen, muss man auch an das Gute glauben. Darum ist es besser, die Sterne zu zählen als die Toten, und immer daran zu denken, dass es auch in Honduras Cupcakes gibt!

Tag 49 — El Rítmo Latino

„…because when you stop and look around,
this life is pretty amazing!“
Dr. Seuss

Wenn man Honduras vor der Abreise mal kurz googelt, so hat man schnell eine ziemlich grauenhafte Vorstellung davon, wie sich das Leben im „gefährlichsten Land der Welt“ abspielt; Erschiessungsopfer, Flugzeugabstürze, Drogenhandel, Gewalt an Frauen und Kindern…  Was uns Google nicht zeigt, sind die Leute, die den neuen Lego-Film sehen wollen und über Nagellack diskutieren! Bei all dem Elend, das in Honduras geschieht, es gibt einfach immer noch Menschen, die glücklich sind. Und das ist etwas sehr, sehr Gutes.

Nebelregenwald La Tigra
Nebelregenwald La Tigra

Etwas vom Schönsten, das Honduras zu bieten hat, ist seine Natur. Letzten Sonntag fuhren wir nach „La Tigra“, einem Nebelregenwald gleich neben Tegucigalpa, in dem sich auch so exotische Tiere wie Jaguare und Ozelote verstecken. Viel mehr als eine Eidechse konnten wir aber nicht entdecken! Endlich wieder einmal zu Fuss gehen zu können, war mehr als erfrischend. In der Stadt fährt man wann immer möglich und nach achtzehn Uhr (Sonnenuntergang) ist niemand mehr ohne Auto unterwegs! Was ausserdem interessant (und dabei typisch honduranisch) war, waren die Eintrittspreise: 50 Lempiras (2 CHF) für die Einheimischen, 200 Lempiras (10 CHF) für die „Gringos“ (Ausländer)!

Phantastische Aussicht von La Tigra
Phantastische Aussicht von La Tigra
Michelle erklärt, wie ein Zug in Chiminike gelandet ist
Michelle erklärt, wie ein Zug in Chiminike gelandet ist

Die Natur mag schön und gut sein, aber was mir an ganz Honduras am besten gefällt, ist nach wie vor mein Projekt! Seit zwei Wochen bin ich jetzt den ganzen Tag im Museum und arbeite nun auch Samstags. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, wirklich zu arbeiten. Letzte Woche habe ich meine erste „Dinámica“ angeleitet („CAFÉ! CAFE-CON-LECHE-CAFE!“) und einer Gruppe von Kindern den Wasserkreislauf erklärt. Zum Glück haben sie brav mitgemacht, oder ich wäre wohl im Erdboden versunken (Löcher gibt es ja am Strassenrand genug)! In den Pausen lernen die Honduraner gerne deutsche Schimpfwörter. Meistens wenn ich nun morgens das Museum betrete, hallt es schon von weitem: „Blöde Siech!“ Was sie mittlerweile aber auch oft sagen, ist: „Ich hab‘ dich lieb, Harnickell!“ Sie sind sehr stolz darauf, meinen Nachnamen aussprechen zu können und mögen ihn deshalb lieber als „Noemi“!

Ausflug nach Santa Lucia mit der Chiminike-Familie
Ausflug nach Santa Lucia mit den „Chimis“
Vergnügter Abend mit den "Catrachos"
Vergnügter Abend mit den „Catrachos“ (v.l.n.r. Jorge, Maynor, Mariam & Alex)

Honduras ist „das gefährlichste Land der Welt“, aber das gefährlichste, das ich bisher erlebt habe, war, als wir am Samstag zu zwölft in einem Fahrstuhl, der für sechs konzipiert ist, stecken blieben. Der Alarmknopf funktionierte nicht, die Handys hatten keinen Empfang, und als wir nach guten fünf Minuten endlich Maynor, den Photographen von Chiminike, erreichten, glaubte der uns natürlich kein Wort! Zum Glück brauchte er aber eine Mitfahrgelegenheit und befreite uns schliesslich (mit Kamera bewaffnet und Lachtränen in den Augen).

An diesem Abend gingen wir alle feiern (der Anlass war nicht unsere Freilassung – in Honduras braucht es keinen Grund, um zu lauter Musik zu tanzen!); Natürlich ist die Partykultur hier eine völlig andere. Die Musik ist vorwiegend spanisch oder lateinamerikanisch und dazu wird getanzt. Bei uns heisst tanzen, man hält sich mehr oder weniger schüchtern an den Händen und wippt ein bisschen im Takt. In Honduras? Nichts da Händchen halten! Hände an den Hintern des anderen und eins und zwei und drei und „Movimiento Elemental! Uno, Dos!“ „Movimiento Elemental“ ist der Hüftschwung. Was man auch tut, Hauptsache, man schwingt die Hüfte. Natürlich irritiert es die Honduraner gar nicht, dass ich ungefähr so viel Rhythmusgefühl habe wie eine Kokosnuss. Die Latinos sind da sehr aufbauend. Hansell und Maynor riefen mir einen Abend lang zu: „Eso es el Rítmo Latino, Noemí!“

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Sackhüpfwettbewerb mit den Guías Educativos

Das ist, was ich an Honduras liebe: Es gibt die Armut, die Gewalt, die Korruption – und es gibt Leute, die tanzen! Eines meiner grössten Vorbilder hier ist Samuel, ein Blinder, der in meinem Projekt arbeitet. Letzte Woche suchte er mich und als er mich fand, sagte er vorwurfsvoll: „Noemi, wo warst du denn nun wieder, dass ich dich nicht sehen konnte?!“ Kürzlich kam er auch im Fernsehen – als Beispiel dafür, dass auch Blinde ein Leben führen können. Die Sendung ist unglaublich verkitscht, aber sie zeigt eben, wie sehr Blinde hier noch als Schwerbehinderte gelten! Das Video könnt ihr euch hier ansehen!

DSC03877Zu wissen, dass achtzig Prozent der Menschen in Honduras in extrem Armut leben und ich zu den anderen zwanzig Prozent gehöre, raubt mir manchmal schier den Verstand. Es ist krank, die Villen der Superreichen zu sehen und daneben ein Wellblech-Häuschen. Dazwischen nicht einmal eine Strasse, Wand an Wand stehen sie, die zwei Welten. Wer kann so abgestumpft sein, dass er so leben kann? Ich kann nicht anders, als mich zu empören, wenn ich bettelnde Kinder sehe und Leute, die im Abfall nach Essen suchen! Aber dann wiederum gibt es Leute wie man sie in Chiminike antrifft, die Lehrer werden wollen und sich in ihren Ferien in Projekten engagieren. Und dann habe ich immer Vertrauen in die Menschheit, weil es sind gute Menschen, die hier leben. Manche von ihnen sind furchtbar und innerlich zerbrochen, aber die Menschheit ist gut – daran glaube ich. Und wenn ich mich umsehe, dann denke ich, es stimmt, das Leben ist im Grunde ziemlich phantastistisch.

Tag 34 — Gagi

Alles muss einmal raus, die Wahrheit, die Liebe und Verdautes. Und die Wahrheit ist, dass mein Verdautes viel zu willig wieder rauskommt! Lonely Planet nennt dieses Phänomen „Traveller‘s Diarrhea“. Zu viel Informationen, das hätte ich besser nur meinem Tagebuch anvertraut? Tja, habe ich, aber es musste eben raus!

Die honduranische Vorstellung von Milch!
Die honduranische Vorstellung von Milch!

Laut Lonely Planet gibt es verschiedene Faktoren, die dazu führen, dass alles meinen Körper in flüssigem Zustand verlässt: Jetlag, Stress, Essenumstellung, verseuchtes Essen, Pulvermilch (müsste Lonely Planet eigentlich aufnehmen!)… doch um es kurz zu fassen: Honduras ist für Neuankömmlinge einfach im wahrsten Sinne des Wortes Scheisse!

Bohnenbrei mit Chips und Plátano
Bohnenbrei mit Chips und Plátano

Ich möchte nichts gegen das Essen sagen, das mir vorgesetzt wird, ich liebe die Bohnen und die Tortillas und die Plátanos, alles ist sehr traditionell honduranisch hier. Als würde man bei uns als Beilage immer Fondue essen!

Sehr beliebt sind auch die kitschigen, extrem überversüssten Kuchen, die es zu jedem besonderen Ereignis gibt. Gestern, Valentinstag, war natürlich Kuchen- und Kitschtag! Der Sitzungssaal in Chiminike war mit Ballonen vollgestopft, es gab Kuchen und Süssigkeiten zum Umfallen, ich wurde ermahnt, dass ich bald eine „Gordita“ sein würde (googelt das selber) und generell wurde im ganzen Land mit Liebe und Rosen um sich geworfen.

Valentinstag in Chiminike
Valentinstag in Chiminike
Fröhlicher Valentinstag!
Fröhlicher Valentinstag!

Chiminike hat sehr viel zu geben. Gestern Morgen kam eine Gruppe von dreissig geistig und körperlich behinderten Kindern und zum ersten Mal erfuhr ich, wie schwierig und wie einfach es ist, sich um sie zu kümmern. Sie erfordern absolute Aufmerksamkeit, sei es beim Essen oder beim Schieben des Rollstuhls – und zugleich ist es so leicht, ihr Freund zu sein! Diese Menschen haben die reinsten menschlichen Bedürfnisse und es ist etwas Wundervolles, wenn sie lachen, weil es von ganzem Herzen kommt! Chiminike ist kein Projekt, dem ich helfe, es ist ein Projekt, in dem mir geholfen wird!

Ach, und der Stress! Ach, was stresst dich denn nach einem Monat Honduras noch??? Tja, nach einem Monat Honduras musste ich endlich lernen, alleine den Bus zu nehmen! Mein Gastbruder, Schrägstrich Fahrer, Jesua, ist diese Woche nach England abgereist und nun heisst es „tomar el bus“! Der Bus, den ich nehmen muss, heisst Rapidito – und es ist ein Abenteuer!

1.) Es gibt keine Haltestellen, ich stehe einfach am Strassenrand und winke.

2.) Der Bus hält nicht, er wird lediglich langsamer und ich springe auf.

3.) Es gibt keine Haltestellen, sobald ich mein Ziel sehe, rufe ich dem Fahrer zu, dass ich aussteigen will, zahle und hüpfe raus!

In welcher Welt ist das für eine Schweizerin nicht stressig?!

Improvisierte Haltestelle (© by Victoria Särnhult)
Improvisierte Haltestelle (© by Victoria Särnhult)
Verkehr in Tegucigala (© by Victoria Särnhult)
Verkehr in Tegucigalpa (© by Victoria Särnhult)

Tryg, mein Freund aus Island, wurde gestern in einem der grösseren Busse ausgeraubt (ziemlich Scheisse, und „wer raubt Leute schon am Valentinstag aus?!“) – die Diebe seien aber (trotz gezücktem Messer) „echt nett“ gewesen! Okay, sie haben ihm tatsächlich den Ausweis und die Kreditkarte zurückgegeben (es war eben wirklich Valentinstag)!
Ich habe keine Angst, den Bus zu nehmen. Solche Dinge geschehen selten und wenn, dann aus rein materiellem Interesse. Und wer weiss schon, ob der Räuber nicht auch eine Familie zu versorgen hat? Zur Sicherheit lohnt es sich aber, grössere Geldbeträge im BH mit sich zu tragen und schwanger auszusehen!

Sonnenuntergang über Santa Lucia
Sonnenuntergang über Santa Lucia

Doch wenden wir uns freundlicheren Themen zu! Heute Nachmittag war ich mit zwei anderen Voluntarios in Santa Lucia, einem kleinen Ort wenig ausserhalb von Tegucigalpa. Es ist einer dieser Orte, an denen man einfach sein kann, bis die Sonne untergeht, und man sich einfach irgendwie unendlich fühlt.

Nun ist alles raus: Meine Bohnen, Trygs Geld, mein Gastbruder – die ganze Wahrheit eben. Bleibt nur eine Frage offen: Warum gibt es hier keine Klobürsten? Ernsthaft, die Dinger sind nicht als originelle Zahnbürsten gedacht! Nun, in der Welt, in der ich lebe, putze nicht ich das Klo (ein Wunder, dass ich meinen eigenen Hintern selber putzen darf!) und wie so oft lebe ich nach der Regel: nicht fragen, einfach akzeptieren!